Der Verlauf der Krise habe gezeigt, so die AutorInnen des von Attac und BEIGEWUM herausgegebenen Bandes über die „Mythen der Krise“, dass jede Gelegenheit genutzt wurde (und wird), „keine Konsequenzen aus den Geschehnissen zu ziehen, die eine nachhaltige Veränderung bedeuten würden“ (S. 9). Das von einem AutorInnenkollektiv kritischer ÖkonomInnen und SozialwissenschaftlerInnen geschriebene Buch will zu „einer breiteren wirtschaftlichen Bildung“ beitragen und v. a. Nicht-ÖkonomInnen ein fundiertes Hintergrundwissen und Argumente für alltägliche Krisendiskussionen bereitstellen. Dazu werden 18 kursierende „Mythen“ kritisch bewertet. Insbesondere wird darauf hingewiesen, dass der Finanzsektor als kein geschlossenes System, sondern vielmehr als Teil des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zu sehen sei. Die alleinige Neuregulierung des Finanzsektors würde demnach keineswegs zu einem „krisenfesten“ und ausgeglichenen System führen.

 

Die kritischen ökonomischen Theorien, durch die gegenwärtige Krise ins Recht gesetzt, müssten sich nach Einschätzung der AutorInnen durchsetzen und zu mehr oder weniger fundamentalen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Umgestaltungen führen.

 

Dem aber wirken bekanntermaßen dominante gesellschaftliche Kräfte entgegen. Es wird, so die AutorInnen, mit Mythen wie „Die AmerikanerInnen haben über ihre Verhältnisse gelebt“ oder „Die Einkommensverteilung war nicht das Problem“ Ursachenverleugnung betrieben. Dabei gehe es darum, eine Abkehr von der dominierenden wirtschaftspolitischen Doktrin zu verhindern. Mit Warnungen wie „Jetzt droht die Hyperinflation“ werde mit Höchstgeschwindigkeit in Sackgassen gesteuert. Doch auch antineoliberale Ansätze wie die Zinskritik erweisen sich nach Ansicht der AutorInnen als wenig hilfreiche Alternativen. Wir befänden uns heute in einer Situation, in der die konventionell orientierte Wirtschaftspolitik versucht, durch Anpassungen und technische Korrekturen, aber ohne grundsätzliche Systemänderungen, das Auslangen zu finden. Marktradikale Strömungen hingegen sähen die Verantwortung für die Krise beim Staat, bei einigen schwarzen Schafen und beteuern, dass gerade jetzt Flexibilität auf den Arbeitsmärkten, die Senkung der Sozialausgaben (s. Hans-Olaf Henkel) zur Stabilisierung der Staatsfinanzen das Gebot der Stunde seien.

 

Durchgängig wird hier argumentiert, dass wesentliche Krisenursachen in der ungleichen Einkommens- und Vermögensverteilung und den zu geringen staatlichen Aktivitäten in der Lösung der sozialen Frage zu finden seien. Allein die Berücksichtigung dieser Aspekte würde ein nachhaltiges System ermöglichen.

 

Mythen der Krise. Hrsg. v. Beirat f. gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolit. Alternativen u. v. Attac Österreich. Hamburg: VSA-Verl., 2010. 128 S., € 10,80 [D],

 

11,10 [A], sFr 19,50; ISBN 978-3-89965-373-1