Aaron Sahr

Die monetäre Maschine

Online Special
Die monetäre Maschine

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum Geld politisch oder unpolitisch sein sollte? Unter der Brille der etablierten Tauschtheorie des Geldes stellt sich diese Frage nicht, denn freilich sollte Geld tunlichst unpolitisch sein und deren Produktion und Steuerung nicht in staatlichen, also politischen Händen liegen. Geld bestimmt jedoch unser Leben in eigentlich jedem Bereich, seine Verteilung schafft (Un-)Abhängigkeiten und die Grundprämisse der Gesellschaften ist das Streben nach Geld und der Vermehrung dessen: „In Geldgesellschaften wie der unsrigen [macht] Geld lebens- und überlebensfähig – weil Geld kurz gesagt Handlungsfähigkeit, also: Macht bedeutet.“ (S. 11) Wenn Geld quasi das Fundament unserer Gegenwart ist, wie kann es dann überhaupt unpolitisch sein?

Aaron Sahr zeigt in seiner Kritik der finanziellen Vernunft, dass das ein Trugschluss ist. Geld hat für ihn eine genuin politische Architektur. Dennoch kann man in der Beobachtung öffentlicher Debatten sehen, dass beim Thema Geld nur über dessen Verteilung gesprochen wird (werden darf), nicht aber über dessen Schöpfung, die axiomatisch keinesfalls in politischen Handlunsgbereich geraten darf: Geld muss erwirtschaftet werden und der Staat kann das nur durch Steuern.

 

Weg von der tauschtheoretischen Brille

In diversen wissenschaftlichen Bereichen wurden bereits Trugschlüsse der tauschtheoretischen Brille aufgedeckt, die Erkenntnisse gelten in der Community als anerkannt. In der Praxis finden sie jedoch keine Anwendung, mehr noch: Sie erfahren deutliche Kritik und werden wie etwa die Modern Monetary Theory als gefährliche sozialistische Vorstöße diffamiert. Weltweit steigt die Geldmenge, nicht aber Wachstums- und Wohlstandsraten. Weltweit mussten Zentralbanken entgegen einer Deflation arbeiten. Deflation ist eigentlich ein Symptom von Geldmangel, während bei hohen Geldmengen eine Inflation erwartet wird. Diese Paradoxa wie auch der Gegenwind bei alternativen Betrachtungsweisen unseres Geldsystems sollten aufhorchen lassen – denn sie können als Symptome einer Ideologie vom unpolitischen Geld interpretiert werden. Warum dürfen Staaten kein Geld schöpfen, warum haben sie diesen Teil ihrer Souveränität abgegeben, warum dürfen Zentral- und Privatbanken das, was anderen verwehrt bleibt – Geld schöpfen, statt es erwirtschaften zu müssen?

 

Geld ist mehr als ein Tauschmittel

Aaron Sahr schlägt argumentatorische Schleifen, Schlüsse und Bestandteile werden teils Mantra-gleich wiederholt, um die Lesenden auf Kurs zu halten und der Gefahr wieder und wieder in ausgefahrene Spurrillen der ideologischen tauschtheoretischen Denkschemata zu fallen vorzubeugen. Er zeigt, dass Geld mehr als ein Tauschmittel ist: Es ist eine Beziehung zwischen Gläubiger:innen und Schuldner:innen durch eine dynamische Verkettung von Forderungen, es ist eine Praxis zwischen Geld erschaffen und vernichten. Die monetäre Maschine ist eine Infrastruktur, die anderen Infrastrukturen wie dem Stromnetz ähnelt, und Infrastrukturen sind als Ordnungsmaschinen nun mal genuin politisch. Diese Einsichten ergeben sich jedoch erst mit der bilanztheoretischen Brille und der Shift dahin ist schwer – das Zurückfallen in die Spurrillen der Tauschtheorie ist tief in unsere Denkschemata eingraviert. Gelingt der Wechsel, ergibt sich ein neuer Blick auf die wichtigste Infrastruktur moderner Gesellschaften. Und die Frage, warum wir die Axiome, nach denen sie im Moment geführt wird, dringend hinterfragen müssen, um in den aktuellen und kommenden Krisen handlungsfähig zu bleiben: „Die Tabuisierung politischer Geldschöpfung ist […] ein Effekt von liberalem Anti-Etatismus und genereller Demokratieskepsis. Wir müssten ernsthaft besprechen, warum wir Staatsoberhäuptern lieber die Kontrolle über Atomwaffen anvertrauen als über unsere eigene monetäre Infrastruktur.“ (S. 360)