Silke van Dyk, Tine Haubner

Community-Kapitalismus

Online Special
Community-Kapitalismus

Den Versuch, den Begriff der Gemeinschaft außerhalb der Familie in ein neues Konzept zu gießen, werden im Buch kritische Stimmen aus der Literatur gegenübergestellt. So sei es eine Illusion, an den natürlichen  Zusammenhalt von Gemeinschaften zu glauben. Sie seien stattdessen gekennzeichnet durch das bewusste Bekennen der Mitglieder ihrer Zugehörigkeit sowie durch ihre Unabschließbarkeit. Eben diese Freiwilligkeit des ‚Commitment‘ macht Gemeinschaften den Autorinnen zufolge „anschlussfähig an Prämissen des flexiblen Kapitalismus. Es ist diese Form der Gemeinschaft als gewählte Aufgabe, d.h. ihre konsequente De-Naturalisierung und Ent-Essentialisierung, die erst die Voraussetzungen dafür schafft, dass sie zum Gegenstand (politischer) Steuerung und Aktivierung werden kann.“ (S. 36) Unter Rückgriff auf Sennett und Esposito wird das Problem dieser Entwicklung erläutert: Posttraditionale Gemeinschaften gehen mit einer völligen Offenlegung der eigenen Gefühle einher, einer moralischen Aufladung sowie der Frage der reziproken Schuld innerhalb der Gemeinschaft. Es geht folglich nicht um Schicksalsgemeinschaften sondern um Personen, die „durch eine Pflicht oder Schuld vereint sind“ (S. 38), womit sich ein gewisser Selbst- und Fremdregulierungsprozess etabliert. Hinzu kommt die entstandene Anzahl an wissenschaftlichen Arbeiten  und statistischen Untersuchungen von Communitys, wodurch sie zu „einer kalkulierbaren Größe und zum Gegenstand des Regierens“ wurden. (S. 39) Auf dieser Conclusio aufbauend wird anhand vieler Beispiele dargestellt, wo der Staat durch bewusstes Unterlassen sowie der Informatisierung von Arbeit aus einem guten Modell des Ehrenamtes einen Ersatz für wohlfahrtsstaatliche Leistungen macht.

Die im Buch herangezogenen empirischen Beispiele stammen aus dem in Deutschland durchgeführten Forschungsprojekt „Schattenökonomie oder neue Kultur des Helfens? Engagement und Freiwilligkeit im Strukturwandel des Wohlfahrtsstaats“. (S.12) Zusammenfassend zeigt sich, dass immer häufiger Freiwillige für Tätigkeiten eingesetzt werden, deren Aufgabengebiet die Kompetenz von nicht eigens dafür ausgebildeten Arbeitskräften überschreitet sowie auch den Ehrenamtlichen zu viel an Verantwortung aufbürden. „Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Unterstützung in sozialen Gemeinschaften, die gerade durch den Abbau sozialer Sicherung und eine wettbewerbsförmig gesteigerte Vereinzelung genährt wird, wird ihrerseits zur Ressource und im krisengeschüttelten Kapitalismus als Alternative zu sozialen Rechten ausgebeutet.“ (S. 152)