"Unser Anliegen ... ist es, nach Ansatzpunkten für eine Politik mit den Arbeitenden und nicht nur für die Arbeitenden zu suchen." Ausgehend von diesem Grundsatz hat ein Berliner Forscherinnenteam die Belegschaft eines mittelgroßen Produktions- und Montagebetriebes nach ihrer Einstellung zur Arbeit und zum Betrieb sowie gegenüber neuen Technologien befragt. Als Verfahren dienten sogenannte „widerspruchsgeleitete" Interviews, die die Befragten durch Konfrontation mit kontroversen Positionen anregen sollten, "nicht bloß eine Meinung abzugeben, sondern sich ernsthaft Gedanken zu machen". Die Ergebnisse waren z.T. sehr überraschend. Anders als das klassische Bild vom "ausgebeuteten" Arbeiter erwarten ließ, identifizierten sich die Befragten sehr stark mit ihrer Arbeit und ihrem Betrieb, ja, sie zeigten "unternehmerisches Denken". Der Betrieb wird von Männern wie von Frauen als Freiraum (gegenüber der Familie) und als Ort der Selbstbestätigung gesehen. Skepsis überwog in der Frage der Einführung neuer Technologien im eigenen Betrieb. Nach wie vor fest zementiert sind die Geschlechterrollen: Männer weigern sich, weniger zu arbeiten und mehr in der Familie zu sein. Frauen gehen gerne arbeiten, um der Vereinzelung als Nur-Hausfrau und Mutter zu entgehen, auch wenn sie die Doppelbelastung Arbeit-Familie trifft. Die Autorinnen sind weit davon entfernt, gewerkschaftliche Interessenpolitik für passe zu erklären, doch gehen sie einen Schritt weiter. Entgegen soziologischen Theorien, die die "Freizeitgesellschaft" (Dahrendorf) postulieren, lehnen sie nicht nur die Trennung in Arbeits- und Privatsphäre ab, sondern sehen in der Erwerbsarbeit nach wie vor einen zentralen identitätsstiftenden Lebensbereich. Es sei daher Aufgabe der Gewerkschaften, über die Tarif- und Arbeitszeitpolitik hinaus, die Auseinandersetzung mit den Arbeitsinhalten zu fördern.

Der vorliegende Bericht ist ein anregendes Beispiel dafür, wie emanzipative Bildungsarbeit. die den Betroffenen ihre eigene Erfahrungswelt zur Sprache bringen lässt und auf die Entwicklung einer neuen "Arbeitskultur" abzielt aussehen kann. Die IG-Metall hat die Anregungen bereits aufgenommen und die AutorInnen gebeten, die wissenschaftliche Begleitforschung für Zukunftswerkstätten in Betrieben zu übernehmen. Hans Holzinger

 

Arbeit soll auch Selbstverwirklichung sein. Mikroelektronik und Lebensweisen. Hrsg. v. Verein für Automations- und Arbeitskulturforschung. Hamburg: Argument-Verl., 1992. 160 S, (Argument-Sonderband; 204), DM 15,50/ sFr 13,10 / öS 120,90