Soziale Studien über Arbeitslosigkeit belegen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes in der Regel nicht nur als Einkommenseinbuße wahrgenommen wird, sondern auch als Verlust an Selbstwirksamkeit. Der Salzburger Ethiker Clemens Sedmak fordert nun in dem Band „Menschenwürdiges Arbeiten“ das Recht auf „menschenwürdige Arbeitslosigkeit“. Schon der Begriff „Arbeitslosigkeit“ sei irreführend, vielmehr müsse man von „Arbeitsplatzlosigkeit“ sprechen, da auch Erwerbstätige nicht immer arbeiten, daher auch arbeitslos seien, meint Sedmak. „Menschenwürdige Arbeitslosigkeit“ liege dann vor, „wenn Menschen in dieser Lebenslage Aussicht auf persönliche Entwicklung haben, wenn sie ihren sozialen Verantwortungen nachkommen können, Lebensqualität erarbeiten und auch in der Lebenslage der Arbeitslosigkeit Glücksmomente finden“ (S. 174). Zeiten der Arbeitslosigkeit müssten daher so ausgestaltet sein, dass sie auch als Chance für etwas Neues begriffen werden können. Der Autor schließt damit an Gedanken des kontinuierlichen Einkommens bei diskontinuierlicher Erwerbsarbeit (s. o. Sabine Gruber) an. Wie andere auch verweist Sedmak auf eine gerechtere Verteilung des Erwirtschafteten, die Verteilungsspielräume für eine großzügigere Handhabung von Phasen der Erwerbslosigkeit ermöglichten.

 

Weitere Beiträge des Bandes stellen sich dem Begriff „Arbeit“ (Otto Neumeier), den Chancen und Problemen der „Subjektivierung“ der modernen Arbeit (Gottfried Schweiger) sowie gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Antworten auf die zunehmende Prekarisierung von Teilen der Arbeitswelt sowie der Lebensverhältnisse von Menschen. Thomas Böhler verweist u. a. auf die Akkumulationsdynamik durch das Zinssystem, welches zwar nicht abgeschafft, deren versteckte Zinslasten, „denen jeder Bürger im alltäglichen Leben ausgesetzt ist“, aber genauer betrachtet werden sollten (S. 128).

 

Auf den Punkt bringt die äußerst schiefe Verteilungsstruktur unseres Wirtschaftssystems ein Band mit dem treffenden Titel „Es reicht. Für alle!“. Die Armutsexperten Michaela Moser und Martin Schenk schildern darin die ungleichen Wohlstandsbedingungen für Österreich und Deutschland, die Ursachen und Folgen von Armut, die weit über materielle Entbehrungen hinausgehen, sowie Wege zu mehr Chancengerechtigkeit. Die beiden kritisieren das verbreitete Knappheitsdenken, das einem repressiven Sozialdiskurs das Wort rede und gesellschaftliche Alternativen verstelle. Ein Denken aus der Fülle hingegen würde eine bessere Verteilung des Vorhandenen ins Blickfeld rücken. So fallen in Österreich auf die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen 50 Prozent der gesamten Lohnsumme, noch krasser ist das Verhältnis bei den Vermögen: die 10 Prozent Reichsten in Österreich verfügen über 54 Prozent des Vermögens (S. 14). Reif ist die Zeit für eine Umverteilung längst. Bleibt zu hoffen, dass das historische Zeitfenster welches die moralische Angeschlagenheit des Laissez-faire-Wirtschaftens durch die Finanzkrise eröffnet, genutzt wird, einen neuen Diskurs über gerechte Verteilung breitenwirksam anzustoßen und angemessene Verteilungsregeln zu implementieren.

 

Ein besonderer Aspekt der Auswirkungen der Finanzkrise auf den Arbeitsmarkt wird in einem von Manfred Oberlechner und Gerhard Hetfleisch herausgegebenen Band über „Integration, Rassismen und Weltwirtschaftskrise“ thematisiert, nämlich die Folgen für Zuwanderer. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit war, so zitieren die Herausgeber den „Internationalen Migrationsausblick“ der OECD (2010), 2008 bis 2009 in fast allen OECD-Ländern unter im Ausland Geborenen höher als unter den im Inland Geborenen, ein Trend, der auch bei jungen Zuwanderern festzustellen ist. So belief sich die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund 2009 in den USA auf 15 Prozent, in Kanada auf 20 Prozent und in der EU15 auf 24 Prozent (S. IX). Zudem steigt die Ablehnung von Zuwanderern in den USA und in Europa, wie eine zitierte Studie „Transatlantic Trends: Immigration 2009“) belegt. Immigration werde demnach mehrheitlich als Problem denn als Chance wahrgenommen. Dass die ökonomische Krise „die verschiedenen Formen der Ungleichheitspraxis verschärft“, sei eine „soziologisch und sozialpsychologisch gut begründete These“, so Hilde Weiss im Vorwort. Dass der Rassismus den ökonomischen Krisenzyklen folge, könne daher als ein „soziales Gesetz“ bezeichnet werden: „Vor allem die schlechter gestellten Gruppen der Gesellschaft  reagieren mit Angst und sehen eine Bedrohung in der ´billigeren´ Konkurrenz um Arbeitsplätze.“ (S. VII).

 

Der Band enthält in diesem Sinne Analysen zur EU-Migrationspolitik „zwischen Gleichstellungsdynamik und Festung Europa“ (Bernhard Perchinig), zum „gespaltenen Kosmopolitismus des transnationalen Hightech-Kapitalismus“ (Wolfgang Fritz Haug) oder zum Verhältnis von „globaler Gerechtigkeit, Bewegungsfreiheit und demokratischer Staatsbürgerschaft“ (Rainer Bauböck). Ein eigener Abschnitt ist dem Thema Islam gewidmet, etwa mit Beiträgen zur „Europäisierung der Türkei und der türkischen MigrantInnen“ (Bassam Tibi) oder zum Diskurs über „Islamische Ökonomie“ im Angesicht der Wirtschafts- krise (Thomas Schmidinger). Darüber hinaus findet man Analysen und Berichte speziell zu und aus Österreich. H. H.

 

Menschenwürdiges Arbeiten. Eine Herausforderung für Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. Böhler, Thomas ... (Mitarb.). Wiesbaden: VS Verl., 2009. 192 S., € 39,95 [D] 41,10 [A], sFr 67,80

 

ISBN 978-3-531-16676-6

 

Moser, Michaela; Schenk, Martin: Es reicht. Für alle! Wege aus der Armut. Wien: Deuticke, 2010. 240 S., € 19,90 [D], 20,50 (A] sFr 29,90

 

ISBN 978-3-552-06114-9

 

Integration, Rassismen und Weltwirtschaftskrise. Hrsg. v. Manfred Oberlechner ... Wien: Braumüller, 2010. 476 S. (Sociologa; 14) € 29,- [D], 29,90 [A], sFr 49,30 ;

 

ISBN 978-3-7003-1733-3