Dass die feministische Arbeitsforschung einen ganzheitlicheren Blick auf Arbeit wirft, bezeugen einmal mehr die im Folgenden vorgestellten Bände. „Arbeiten wie noch nie!?“ lautet der Titel einer Studie, die der Erwerbsarbeit aus kapitalismuskritischer Sicht nachgeht. Anders als Popp und Kollegen gehen Frigga Haug und ihre KollegInnen sehr wohl davon aus, dass es nach wie vor sehr viel entfremdende Arbeit und auch Unvereinbarkeiten zwischen Erwerbsarbeit und den „anderen Arbeiten“ gibt. Nachgespürt wird der Genese des Arbeitsbegriffs – in kulturhistorischer Perspektive etwa höchst aufschlussreich durch Johanna Riegler in ihrem Beitrag „Die Faulen und die Fleißigen“ – ebenso wie dem Verhältnis von Arbeit und Wohlstandsverteilung (Sabine Gruber) sowie dem Ringen um ein Verständnis von Arbeit, das in Anlehnung an Hannah Arendt besser als Tätigsein bzw. Handeln aufgefasst wird. Frigga Haug skizziert eine „Vier-in-einem-Perspektive als Schule des Lernens“ (S. 135). Vier Bereiche des Tuns gelte es demnach zu einander zu bringen: Erwerbsarbeit, Reproduktionsarbeit, kulturelle Entwicklung und „Politik von unten“, sprich zivilgesellschaftliches Engagement.

 

 

 

Neue Arbeitsinhalte

 

Die Politikwissenschaftlerin Andrea Weiss warnt vor den Fallen eine Beschränkung auf ein bedingungsloses Grundeinkommen. Eine grundsätzliche Kritik an der (Lohn-)Arbeit müsse sich mit deren Gestaltung, mit Forderungen nach einer Einflussnahme auf die Inhalte der Arbeit und „aus der Perspektive der Frauen mit einer Verberuflichung bzw. Vergesellschaftlichung von Erziehungs-, Betreuungs- und Pflegearbeit sowie einer gerechten Verteilung von Reproduktionsarbeit befassen „(S. 109). Sie fordert den Ausbau „eines staatlichen, nicht auf Gewinn ausgerichteten Dienstleistungsbereiches“, um einen größeren Teil der von Frauen geleisteten unbezahlten Arbeit in bezahlte Arbeit zu verwandeln. „Zum einen würden hier viele (Frauen-)Arbeitsplätze geschaffen, zum anderen würden sich für Frauen mit Betreuungspflichten die Chancen am Arbeitsmarkt verbessern.“ (S. 107) Sabine Gruber schlägt im Ausblick in ähnlicher Perspektive einen „Einkommensmix“ vor, der kontinuierliches Einkommen bei „diskontiuierlicher Erwerbsarbeit“ ermöglichen würde. Zudem plädiert sie für ein „Konten-Modell“, dem gemäß für jeden Erwerbsfähigen „Stundengrundkontingente“ für die vier von Frigga Haug beschriebenen Aktivitätsbereiche festgelegt würden, die dann „das ganze Leben lang nach Belieben eingesetzt werden können“ (S. 181) Das Lohnmodell als „Art und Weise uns zu versorgen“ wäre „streng in seine Schranken zu weisen und wieder Platz für gleichwertige Tätigkeitsformen zu schaffen, die anderen Logiken folgen“ (S. 183).

 

 

 

Arbeitsverdichtung

 

„Zeitgewinn und Selbstverslust“ lautet der Titel einer von der Soziologin Vera King und der Psychoanalytikerin Benigna Gerisch herausgegebener Band, im dem den Folgen der Beschleunigung etwa in den Generationenbeziehungen, im Bereich der Bildung und naheliegender Weise auch in der modernen Arbeitswelt nachgegangen wird. Die Pariser Psychologin Nicole Aubert hat in ihrem Beitrag den Zeitdruck von Führungskräften in Unternehmen untersucht. „Zeitzwang“ oder „Zeitdruck“ sei demnach ein belastendes Moment vieler Führungskräfte. Die „Herrschaft der Dringlichkeit“, das heißt, dass immer weniger zwischen Dringlichem und Wichtigem unterschieden werde, sondern alles gleich dringlich erscheine, führe zu Erschöpfungszuständen und innerer Leere. Die von Aubert zitierte Matrix der „A-, B- und C-Aufgaben“ würde in immer mehr Betrieben außer Kraft gesetzt. Wenn alles dringend sei, dann bleibe keine Zeit mehr für die wichtigen strategischen, wenn auch nicht ganz dringenden Aufgaben (S. 93). „Von nun an gezwungen, immer mehr Dinge in immer kürzerer Zeit zu erledigen, äußerten viele das Gefühl“, so Aubert, „dass sie in Situationen gesteckt würden, in denen sie nicht die Mittel hätten, ihre Arbeit korrekt auszuführen.“

 

Die Sozialpsychologin Christine Morgenroth geht noch einen Schritt weiter: In der Kumulierung von Stressfaktoren, der Simultaneisierung der vielen Tätigkeitsansprüche sowie der Forderung nach grenzenloser Flexibilität, die zu einem „tief verinnerlichten Selbstanspruch“ (S. 105) geworden sei, sieht sie einen Suchtcharakter, der überdies den Konsum physiologischer Suchtmittel antreibe. Es wachse die „Gefahr einer süchtigen Abwehr als Notreaktion“: Insofern sei der Gebrauch von legalen Substanzen wie Beruhigungs- und Schlafmitteln ebenso wie der Einsatz des illegalen Einsatz die „konsequente Antwort auf die gesellschaftliche Entwicklung, der downer gegen die Folgen von Beschleunigung und Vergleichzeitigung“ (S. 115) Am anderen Ende fänden sich die leistungssteigernden Mittel wie Amphetamine und Kokain, „mit deren Hilfe die Körpergrenzen und durch Bedürfnisse gesetzten Rhythmen außer Kraft gesetzt werden“ (ebd.) Was doppelt zu bedenken gibt an diesen Analysen ist der Umstand, dass diese Form der Ausbeutung gar nicht mehr als solche erkannt wird, da die „externen Ansprüche“ längst als „innere Antreiber“ funktionierten. Ihre Nicht-Erfüllung wird dann eben als persönliches Versagen, und nicht als gesellschaftlich zurückzuweisendes Problem wahrgenommen. H. H.

 

Arbeiten wie noch nie?! Unterwegs zur kollektiven Handlungsfähigkeit. Hrsg. v. Sabine Gruber ... Berlin: Argument, 2010. 188 S., € 17,40 [D], 17,90 [A], sFr 29,50 ISBN 978-3-86754-308-8

 

Zeitgewinn und Selbstverlust. Folgen und Grenzen der Beschleunigung. Hrsg. v. Vera King ... Frankfurt/M.: Campus, 2009. 262 S., € 29,90 [D], 30,80 [A], sFr 50,80

 

ISBN 978-3-593—39029-1