Die Phalanx der Kritiker zunehmend maßlosen und menschenverachtenden Wirtschaftens neoliberaler Prägung wird breiter. Unter der wachsenden Zahl von Beiträgen aus Sozial-, Wirtschaftswissenschaften und Zivilgesellschaft verdient die Stimme eines Bankfachmanns besondere Beachtung. Wer 40 Jahre im Bankgeschäft, davon 16 Jahre als Generaldirektor des Raiffeisenverbandes Salzburg, dem mit über 1.700 Mitarbeitern größten privaten Arbeitgeber des Bundeslandes, tätig war, weiß, wovon er redet. Eine solche Stimme zählt gewissermaßen doppelt.

 

Dezidiert, ja leidenschaftlich wendet sich Manfred Holztrattner im einleitenden Gespräch mit den Philosophen Clemens Sedmak gegen die Idee einer wertfreien ökumenischen Sachlogik, die ausschließlich gewinnorientiert handelt. Ethik, so Clemens Sedmak, komme dann ins Spiel, „wo Menschen „anders handeln könnten“ (S. 7). Ein etwa dem „bonum commune“ verpflichtetes wirtschaftliches Handeln sollte nicht profitorientiert, sondern sach-, menschen- und gesellschaftsgerecht ausgerichtet sein.

 

Nach einem einleitenden Blick auf die „Unordnung zu Beginn des dritten Jahrtausends" – Stichworte: Zusammenbruch der „New Economy“, zunehmende Entmachtung der Politik durch weltweit agierende Konzerne und Verschärfung des Gegensatzes zwischen Reichtum und Armut – gibt der Autor einen knappen wirtschaftsgeschichtlichen Überblick von Adam Smith (der „den egoistischen Bestrebungen der Kaufleute und Fabrikbesitzer“ durchaus kritisch gegenüber stand vgl. S. 32) bis zur Weltwirtschaftskrise nach 1945 (die vor allem auch von der katholischen Kirche als Folge der Habgier angeprangert wurde).

 

Dem Begriff und der Bedeutung des Geldes gelten die nachfolgenden Überlegungen. Dessen Verwendung, so der Autor, sollte von drei Fragen geleitet sein: „Was an materiellen Gütern, an Geld ist notwendig, um ein glückliches, geglücktes, erfülltes Leben führen zu können? Wie verdienen wir dieses Geld in den Industrienationen? Wie verwenden wir es und sind wir dabei auf dem richtigen Weg?“

 

Für Manfred Holztrattner sind wir und ist „die Wirtschaft“ weit davon entfernt, nach diesen Prämissen zu handeln. So sei – unter anderem – Geld immer mehr vom Finanzierungs- zum Handelsobjekt geworden. Von den weltweiten Zahlungsströmen – 100 Milliarden Euro täglich – gehen nur 5% auf Warengeschäfte zurück, unglaubliche 95% hingegen auf Wertpapier- und Devisentransaktionen (S. 43). Und in der Tat: Die „Ökonomie der Ver-Schieber, Ver-Fälscher und Ver-Führer“ ist allgegenwärtig, wie Holztrattner an vielen konkreten Beispielen nachweist. Nur eine Folge davon ist, dass die Geldmenge weltweit zwischen 1975 und 2005 um das Vierzigfache angewachsen, die Gütermenge aber „nur“ um das Vierfache gestiegen ist (ebd.) Doch damit nicht genug. Berater und Experten – Holztrattner nennt in diesem Zusammenhang den bekannten Klima-Ökonom Björn Lomborg exemplarisch (ohne seine These mit Fakten zu untermauern) – würden ihre „Erkenntnisse“ im Interesse und für hohen Sold internationaler Konzerne vorlegen.

 

Als Insider erweist sich der Autor vor allem bei der Erörterung von „Fallbeispielen moralischen Versagens“ etwa im Kontext der Automobil- und Pharmaindustrie (diese gibt in Deutschland zwar 5 Milliarden € jährlich für Marketing, aber nur 1,5 Milliarden € für Forschung aus) sowie an Banken und Börsen. Wie sehr die „frivolen Auswüchse des Casino-Kapitalismus Symptome einer Finanzwelt ohne Moral“ sind, wird einmal mehr im Abschnitt über die „Ökonomie der Habgierigen“ deutlich: demnach besitzen 0,14% der Reichsten 25% beziehungsweise 2% die Hälfte des Privatvermögens weltweit; 42% des weltweiten Privatvermögens gehören US-Amerikanern; 1% der US-Amerikaner besitzen über 40% des US-Vermögens, weitere 4% besitzen nochmals 20%, so dass insgesamt 5% der US-Amerikaner 60% des Vermögens in den USA besitzen. Und tendenziell ist die Entwicklung in Russland und China durchaus vergleichbar (vgl. 68ff.).

 

Dieser Entwicklung gegenüber steht, so Holztrattner, die „Ökonomie der Hab- und Gutlosen“, ein Recht auf Arbeit als wichtigster Faktor der Persönlichkeitsbildung vorenthalten werde. Allen Behauptungen neoliberaler Propagandisten widersprechend, hält der Autor mit Werner Sinn fest: „Die Arbeiter sind die Verlierer der Globalisierung.“ (S. 83). In Anbetracht der Tatsache, dass Manager für die „Freisetzung“ tausender Menschen fürstlich entlohnt werden – in Deutschland sind real 6,8 Millionen Menschen (15,5%) ohne (Erwerbs)Arbeit – während in den Textilfabriken von Bangladesch Frauen für 30 € pro Monat schuften oder in Nordkorea mit der Sonderwirtschaftszone „Kaesong“ eine kapitalistische Enklave eingerichtet wird, in der 16 südkoreanische Unternehmen fünf jahrelang von allen Steuern befreit sind, (S. 84), trifft Holztrattner wohl den richtigen Ton, wenn er an der Stelle von ungelöster Armuts-Bekämpfung von „Armuts-Produktion“ spricht.

 

Was aber tun? Vehement wendet sich der Verfasser gegen das Konzept der heute praktizierten „offenen Marktwirtschaft“ und plädiert für einen eigenständigen, mutigen Weg, auf dem Europa als Vorreiter einer öko-sozialen Marktwirtschaft voran geht. Gegen die heute feststellbaren extremen Verwerfungen des Turbokapitalismus meint der Autor „Zeichen einer Gegenreaktion auszumachen, die sich zunehmend verstärken“ (S. 120).

 

Und wer wird der Träger dieses Wandels sein? Es sei müßig, so Holztrattner, auf eine „moral leadership“ der „Wirtschaft der Konzerne“ zu setzen, auch „ freiwillige Wohlverhaltenskataloge, welcher Art auch immer, könn(t)en eine liberale Wirtschaftsordnung nicht in ihren notwendigen Schranken weisen“ (S. 126). Da aber auch die Politik nach dem Motto „Wir können alles, aber nichts dafür" (S. 127) handle, blieben nur Bürgerinnen und Bürger! Vor allem die Interessenvertretungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die Kirchen, Wissenschaft und Medien sieht der Autor als Initiatoren des notwendigen Wandels. Durch wachsenden Druck internationaler Netzwerke und Kooperationen müssten (und könnten) die Finanzmärkte reguliert, Aktien-, Börsen- und Kartellrecht reformiert und die „zum Teil absolut sinnlosen und volks- beziehungsweise weltwirtschaftlich schädlichen Gütertransportströme mit einer –den dadurch verursachten Umweltschäden adäquaten – Abgabe belastet werden" (S. 133ff.).

 

In einem abschließenden "Credo" zusammenfassten Einsichten und Positionen sind nicht durchwegs neu. Man kann sogar einwenden, dass manche der angedachten „Therapien“ nicht schlüssig argumentiert sind. So bleibt etwa offen, wie die Macht der Bürgerinnen und Bürger real entfaltet und zu einer evolutionären Veränderung der „herrschenden Unordnung“ führen kann. Dies aber ändert nur wenig an der Bedeutung von Beiträgen wie diesem. Würden ausgewiesene und anerkannte Wirtschaftsexperten sich derart mutig und entschlossen für eine ethisch fundierte Wirtschaft einsetzen – und ihren Worten auch Taten folgen lassen – so sähe die Welt bedeutend freundlicher um vieles gerechter aus. Um diese Vision zu verwirklichen, bedürfte es, nach Kardinal Franz König, „nicht nur eine Reform der Zustände, sondern vor allem auch eine Reform der Gesinnung“ (S. 145). W. Sp.

 

Holztrattner, Manfred: Macht und Moral. Wirtschaft und Politik am Beginn des 3. Jahrtausends. LIT-Verl., 2007. 160 S. € 19,90 [D], 20,50 [A] Fr 34,85

 

ISBN 978-3-8258-0933-1