Die Beurteilung ökologischer Problemstellungen aus ethischer Perspektive ist keineswegs neu,' sondern war in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten bereits Gegenstand eines ausführlichen philosophischen Diskurses. Besondere Bedeutung erlangt dabei die Frage nach den Motiven umweltverträglichen Verhaltens: Sollte es aus hehrem Altruismus geschehen und der Natur "Eigenwert" zugestanden werden, oder dürfte auch - weit weniger ehrenhaft - das pure menschliche Selbstinteresse als Triebfeder fungieren? Der Verweis auf Immanuel Kant, der Grausamkeit gegen Tiere nicht an sich, sondern deshalb ablehnte, weil sie zur Verrohung der Menschen führe, liegt nahe. Und auch die böse Replik Schopenhauers kommt in den Sinn: Es sei schon eine seltsame Moral, Tieren "bloß zur Übung" Mitleid entgegenzubringen. Der einzige in einem engeren Sinne ethisch argumentierende Beitrag des vorliegenden Sammelbandes, den Herausgeber Sigurd Martin Daecke verfaßt hat orientiert sich eher am "Vernunft" -Philosophen Kant als am Mitleidsverfechter Schopenhauer. In der Wirtschaftsethik sei ein Altruismus, der den Menschen zurücknehme und Natur wegen ihres Eigenwerts für schützens- und erhaltenswert ansehe, nicht realistisch. Daecke favorisiert deshalb das Konzept eines langfristigen Selbstinteresses - eine Art aufgeklärter oder "erweiterter" Egoismus =, also einen anthropozentrischen Umweltschutz im Interesse der Gattung. Dieses Modell wird freilich in einigen Aufsätzen, die übrigens im Gegensatz zur im Titel versprochenen Wirtschaftsethik kaum explizit auf ethische Fragestellungen Bezug nehmen, zumindest unausgesprochen aufgegriffen. Im Beitrag von Heribert Meffert und Manfred Kirchgeorg wird marktorientiertes Umweltmanagement nicht nur als Instrument begriffen, den ökologischen Wandel in der Gesellschaft herbeizuführen, sondern auch im Sinne wettbewerbsstrategischer Vorteile diskutiert. Weitere Beiträge' des vorwiegend von Wirtschaftswissenschafterinnen gestalteten Sammelbandes behandeln zum einen betriebswirtschaftlich orientierte Problemstellungen - Hans-Horst Schröder etwa diskutiert die Möglichkeiten und Grenzen eines umwelt(schutz)orientierten Rechnungswesens =, während zum anderen die Makroebene in Aufsätzen über den Zusammenhang zwischen Armut und Umweltzerstörung (Werner Gocht) oder über das umweltpolitische Ost-West-Gefälle im wiedervereinigten Deutschland (Cornelia Zanger) ins Spiel gebracht wird. Hervorhebenswert erscheinen darüber hinaus zwei Beiträge, die individuelles Verhalten im ökonomisch-ökologischen Kontext thematisieren: Während Klaus Henning die notwendigen Verhaltensänderungen des einzelnen unter dem Gesichtspunkt von Askese, Verzicht, ja "Rückschritt" diskutiert, verweist die soziobiologische Argumentation von Karl Georg Zinn auf die Perspektive einer immateriellen Befriedigung von Bedürfnissen. Freilich: Das Phänomen „Wirtschaftsethik" bleibt auch nach der Lektüre der insgesamt 10 Aufsätze ein wenig diffus; die facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld Ökonomie versus Ökologie vermag aber eine Fülle interessanter Anregungen zu geben. G. S.

Ökonomie contra Ökologie? Wirtschaftsethische Beiträge zu Umweltfragen. Hrsg. v. Sigurd M. Daecke. Stuttgart (u.a.): Metzler, 1995. 228 S.