
Im Jahr 1601 kaperten portugiesische Seeleute vor der chinesischen Küste unter Berufung auf ihre Monopolrechte im asiatischen Raum ein niederländisches Schiff, töteten fast die gesamte Besatzung und eigneten sich dessen Ladung an. Nur wenig später enterte ein Schiff der Niederländischen Ostindien-Kompanie in der Straße von Malakka ein portugiesisches Schiff, dessen Ladung man in Amsterdam vor das Admiralitätsgericht brachte, um sie legal verwerten zu können. Beide Seiten betrachteten sich im Recht: Die Portugiesen, weil sie ihre Vorleistungen zur Erschließung asiatischer Seewege ins Treffen führten, die Niederlande, weil sie sich auf die Freiheit der Meere beriefen.
Damit beginnt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe seine Abhandlung „Gefährliche Rivalitäten“ über die Rolle von Wirtschaftskriegen in der Geopolitik. Das geschilderte Dilemma, das keine Frage der Moral, sondern „Ausdruck eines objektiv existierenden Problems“ (S. 8) sei, liege hinter dem „Auf und Ab von Wirtschafts- und Handelskriegen, die seit jeher in unterschiedlichen Formen die Welt beschäftigten“ (S. 8). In seiner Reise durch die Wirtschafts- und Handelskriege seit dem 17. Jahrhundert macht Plumpe deutlich, dass diese nicht immer und nicht zwingend zu militärischen Auseinandersetzungen geführt haben, wenn auch meist die Gefahr bestand. Je nachdem wie ein Konflikt wahrgenommen wurde, hätten sich Rivalitäten „unter Umständen zu produktivem Wettbewerb (entwickelt) – oder es kam zu gefährlichen Konfrontationen, speziell dann, wenn sich das Ziel ökonomischen Vorteils mit politischem und militärischem Dominanzstreben verband“ (S. 8). So hätte die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen Großbritannien und dem aufstrebenden Deutschland in einer Ära des zunehmenden Freihandels nicht in den Ersten Weltkrieg münden müssen – dafür seien politische Versäumnisse ausschlaggebend gewesen; der Zweite Weltkrieg hingegen sei bereits im Versailler Vertrag, der Deutschland als Kriegsverlierer große Reparationszahlungen bei gleichzeitigem Ausschluss aus dem Freihandel auferlegt hätte, grundgelegt gewesen, wie John Maynard Keynes gewarnt habe. Seine Zahlungen konnte Deutschland nur mit Privatkrediten aus den USA tilgen, was zur großen Verschuldung des Staates geführt hätte. Anders sei der Friedenschluss nach dem Zweiten Weltkrieg verlaufen, der die Verlierer erneut ins Weltwirtschaftssystem integriert habe.
Plumpe ist Vertreter einer realistischen Schule der Weltpolitik: „Rivalitäten sind der Normalzustand; entscheidend ist, wann sie gefährlich werden und das Potenzial besitzen, die Regeln der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit – letztlich zum Nachteil aller – zu zerstören“ (S. 9). Was sagt uns dies für die aktuelle geopolitische Lage? Die wirtschaftlich aufstrebende Macht ist China, welches die Welt mit billigen Produkten versorgt und sein überschüssiges Kapital in aller Welt anlegt - so sind die USA ebenfalls bei China verschuldet. Nicht erst Trump, bereits Biden habe versucht, die chinesische Wirtschaft zu schwächen. Doch dieser Strategie seien Grenzen gesetzt, da der Wohlstand der USA auch von den Waren aus China abhänge, ist Plumpe überzeugt. Trump versuche nun, durch Deregulierungen und Investitionsanreize sowie mit „Deals“ die Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft erneut zu stärken. Doch China könne nicht gebremst werden, weil es technisch auf bereits hohem Stand sei und zudem einen großen, nicht gesättigten Binnenmarkt aufweise. Plumpe bezweifelt generell auch die Sinnhaftigkeit von Sanktionen, da diese umgangen würden und neue Allianzen entstehen ließen – wie aktuell zwischen Russland und China. Er plädiert vielmehr für einen offenen, aber auf Regeln basierenden Wettbewerb, da alles andere ein großes Eskalationsrisiko berge. Trumps Zollpolitik sei sprunghaft und erratisch, aber vielleicht könnte seine Wirtschaftsdiplomatie des harten Verhandelns und des Kompromisse Schließens zu einer „Art Fließgleichgewicht konkurrierender Interessen“ (S. 218) führen, welches die „Zukunft der Weltwirtschaft nach dem Auslaufen der Pax Americana“ (S. 218) kennzeichnen könnte, so die Hoffnung des Wirtschaftshistorikers.
Resümee: Plumpe macht deutlich, dass Konkurrenz zwischen Staaten bzw. Wirtschaftsblöcken in der Regel immer ökonomische Hintergründe hat und dass in Wirtschaftskriegen meist alle verlieren. Plumpes Warnung bzw. Hinweis: Die Ablösung eines Hegemons durch einen anderen habe zwar häufig zu Krieg geführt, dies müsse aber nicht zwingend so sein. Möglich sei auch eine multipolare Welt der produktiven Konkurrenz. Ausgeblendet bleiben in seinen Ausblicken die globale Ungleichverteilung des Reichtums sowie die ökologischen Herausforderungen wie die sich verschärfende Klimakrise.








