
In einem dreibändigen Werk hat der Ökonom Werner Onken detailreich die Wirtschaftsgeschichte seit dem Übergang von der Feudalordnung zur bürgerlichen Gesellschaft sowie den Weg in den Kapitalismus nachgezeichnet. In einem schmalen Band fasst er nun seine zentralen Erkenntnisse in „50 Fragen und Antworten“ zusammen. Die wichtigste Frage dabei lautet, warum die Hoffnung auf eine „egalitäre Bürgergesellschaft mit breit gestreutem Eigentum und vielen kleinen und mittleren Unternehmen auf monopolfreien Märkten“ (S. 7) nicht gelungen ist, sich stattdessen die „Akkumulation und Konzentration von Kapital in wenigen privaten Händen“ (ebd.) durchgesetzt hat. Onken plädiert für eine „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ sowie den Übergang in „eine zweite, menschenrechtlich und demokratisch fundierte Moderne mit einer breiten Dezentralisierung von Geld- und Sachvermögen“ (S. 8). Damit sollen ökologische und Verteilungsfragen gelöst werden, nicht zuletzt soll den neuen rechtsextremen Bewegungen entgegengewirkt werden. Nachdem auch die Sozialdemokratie und die Grünen sich mit dem Kapitalismus arrangiert hätten und dieser mit schuldenfinanzierten Rettungspaketen über Wasser gehalten würde, brauche es einen neuen Entwurf, der „über die pragmatische Realpolitik hinausweisende Orientierungen gibt“ (S. 13).
Der Ökonom sieht zwei zentrale Hebel: Das Geld müsse dem Zweck der Akkumulation entzogen werden. Anders als Marx und Engels, die das Hauptproblem im Privateigentum bei den Produktionsmitteln gesehen hätten, gelte es, die „Privilegienstruktur des Geldes“ (S. 19) zu brechen. So wie John Maynard Keynes „künstliche Durchhaltekosten“ für Geld gefordert habe, soll es für Kredite nur mehr Risikoprämien geben und Banken sollen nur mehr Gebühren für ihre Dienstleistungen einheben können. „Aus Geld mehr Geld zu machen“ (S. 24), würde aber aufhören, mit Sparen könnte nur mehr der Wert des Geldes erhalten werden. Das Ziel müsse sein, sämtliche leistungslosen Einkommen aus Dividenden, Patent- und Markenprivilegien, aus Steuerprivilegien und Steuervermeidungen sowie der Naturausbeutung zu überwinden. Zudem sollen die Naturgüter zu Allgemeingütern werden. Onken greift hier die Ideen von Bodenwertsteuern auf, schließlich plädiert er dafür, die globalen Ressourcen unter die Obhut der Vereinten Nationen zu stellen. Die Erträge aus der Nutzung sollen an alle Erdenbürger:innen rückverteilt werden.
Onken hält nichts von Vorschlägen wie einem „Ökosozialismus“ oder „Commonismus“, da hier unklar bleibe, „wer die Verantwortung für die Commons tragen und nach welchen Regeln sie genutzt werden könnten“ (S.39). Vielmehr setzt er auf die Stärken einer Marktwirtschaft mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen. Umverteilungsmaßnahmen etwa durch Vermögenssteuern würden in die richtige Richtung weisen, hätten sich jedoch als „systemkonforme Mittel erwiesen, die kapitalistische Marktwirtschaft quasi von außen etwas zu zähmen“ (S. 41). Wenn die Privilegieneinkünfte aus Zinsen, Dividenden u. a. abgeschafft und Ressourcenrenten an die Allgemeinheit rückverteilt bzw. für öffentliche Infrastruktur verwendet würden, kämen die Arbeitenden „nach und nach in die Lage, sich mit den nicht verkonsumierten Teilen des vollen Arbeitsertrages entweder eigene kleinere Unternehmen aufzubauen oder sich an mittleren und größeren Unternehmen zu beteiligen und demokratisch über Produktionsziele und Arbeitsbedingungen mitzuentscheiden“ (S. 43). Dieser Prozess nehme viel Zeit in Anspruch und erfordere in der Übergangszeit „eine Balance von abnehmender Kapitalmacht und abnehmender gewerkschaftlicher Gegenmacht“ (S. 45). Onken macht auch Vorschläge zur Finanzierung von Carearbeit im Sinne eines „Drei-Generationen-Vertrages“ (S. 47), der auch eine Kinder- und Jugendrente umfassen würde, sowie zur Ökologisierung. Wenn das Prinzip der Wirtschaftlichkeit die Renditemaximierung ablöse, könnten die Gebrauchswerte der Waren wieder den Tauschwert überwiegen und der Zwang zu permanentem Wachstum würde überwunden. Zudem könne es mehr Freiraum für Eigenarbeit und Nachbarschaftshilfe geben. Der Staat würde sich vornehmlich aus den genannten Bodenwertsteuern finanzieren und lediglich den Wirtschaftsrahmen setzen.
Resümee: Werner Onken nennt sein Konzept eine „Realutopie“ und fordert in der Tat eine schrittweise Überwindung des Kapitalismus durch eine evolutionäre Transformation. Sein Ansatz hat Ähnlichkeiten zu Initiativen wie dem „Limitarismus“ der Wirtschaftsethikerin Ingrid Robeyns oder dem „begrenzten Kapitalismus“ des Klimaforschers Anders Levermann, weist jedoch über diese hinaus. Thomas Piketty betont in „Ideologie und Kapital“ die Gestaltung von Institutionen und Regeln – er plädiert für „Eigentum auf Zeit“, also die permanente Umverteilung von Kapital. Onkens Entwurf setzt in diesem Sinne auf dezentrale demokratische Unternehmen. Der Ansatz erscheint utopisch, aber auch der Kapitalismus ist menschengemacht und die Macht von Ideen kann auch die Welt verändern.








