
Ökonomie und Ökologie sind sich im Kern ähnlicher als oft angenommen: Beide Domänen haben es mit einem Haushalt („oikos“) zu tun – das verrät schon die gemeinsame griechische Wortwurzel (vgl. S. 17); im ersten Fall geht es um die wirtschaftliche Führung des Haushalts einer menschlichen Gemeinschaft, im zweiten Fall um den „großen Haushalt der Natur“ (Ram Adhar Mall). Trotz dieser Verwandtschaft haben die beiden Disziplinen bislang auffallend selten zu einer gemeinsamen Sprache gefunden. Das liegt nicht nur daran, dass ökologische Fragen in der modernen wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung ein Schattendasein führen (vgl. S. 12 ff.), sondern auch daran, dass man in der Ökologie häufig davor zurückscheut, in ökonomischen Kategorien zu denken und zu handeln.
Die Welt als „Anlagenportfolio“
An diesem Punkt setzt Partha Dasgupta an und bemüht sich um eine Vermittlung, indem er Ökosysteme als „Naturkapital“ (S. 38) auffasst, dieses Kapital im Lichte einer „Portfolioanalyse“ (S. 113) betrachtet und somit ökologische Probleme in der Sprache der Ökonomie und nach der Logik der Geldanlage bespricht. Den Hintergrund bildet ein 2021 publizierter, für das Finanzresort der damaligen Tory-Regierung in Großbritannien erstellter Report, den der Autor im hier besprochenen Buch für ein breiteres Publikum aufzubereiten versucht. Wer also Dasgupta für Fortgeschrittene lesen möchte, kann zum erwähnten Bericht („The Economics of Biodiversity“) greifen; wer hingegen eine Einführung benötigt, ist mit „Der Wert der Natur“ besser beraten.
Eine zentrale Botschaft ist, dass es, wenn wir die Welt als unser „Anlagenportfolio“ (S. 113) betrachten, gerade auch ökonomisch Sinn macht, die Natur zu bewahren, eben weil sie einen wesentlichen Teil unseres Kapitals ausmacht. Um nur einige Beispiele aus dem Buch zu nennen: Mangrovenwälder versorgen uns mit Gütern; Ökosysteme stellen uns gratis wertvolle Dienstleistungen zur Verfügung; und ein lebender Wal nutzt uns mehr als ein toter. Der „Unterbewertung des Naturkapitals“ (S. 133) in der ökonomischen Analyse entgegenzuwirken, ist also das Hauptanliegen des Buches.
Ökobilanzbuchhaltung
Neben der Frage, welchen Wert ein Vermögen besitzt, das meist „nicht auf dem Markt gehandelt“ (S. 37) wird und dessen Schädigung oft nicht eingepreist wird, geht es auch um die Nachhaltigkeit des „Naturkapital“-Portfolios. Dasgupta analysiert die Problematik als eine Frage von menschlicher Nachfrage und natürlichem Angebot: hier der Verbrauch, dort die „Gesamtregenerationsrate der Biosphäre“ (S. 217). Auf diese Weise werden Ökonomie und Ökologie in einer Form von Buchhaltung verbunden, mit der „Ökobilanzungleichung“ (ebd.) als zentralem Werkzeug. Die Bilanz fällt ernüchternd aus: Wenn wir nicht nachhaltig wirtschaften, schrumpft unser „Naturkapital“; wenn wir aber nachhaltig wirtschaften würden, wäre es unmöglich, allen den Lebensstandard zu garantieren, den wir heute für angemessen halten (vgl. S. 266).








