
In „Kinder – Minderheit ohne Schutz. Aufwachsen in der alternden Gesellschaft“ beleuchten die Wissenschaftler Aladin El-Mafaalani, Sebastian Kurtenbach und Peter Strohmeier die Lebensrealität von Kindern in Deutschland. Ausgangspunkt sind aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie demografischer Wandel, Superdiversität und Fragmentierung. Daneben stellen die Autoren zentrale Bedürfnisse von Kindern: Wertschätzung und Unterstützung. Ihre Forderung ist klar – Kinder müssen ins Zentrum politischen und gesellschaftlichen Denkens rücken. Dies sei keine moralische Option, sondern eine demografische Notwendigkeit: „Die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung führt heute dazu, dass man allein aus ökonomischen Gründen auf kein Kind verzichten kann – und nicht »nur« aus Gerechtigkeitsgründen“ (S. 148).
Plädoyer für eine konsequente und zielgerichtete Förderung
Die Autoren plädieren für eine konsequente Förderung von Kompetenz und Wohlbefinden der Kinder. Bildungsinstitutionen sollen durch bessere Ausstattung zu multifunktionalen Lern- und Lebensorten werden. Auch Nachbarschaften und Großeltern – insbesondere die sogenannte Boomer-Generation – werden als Ressourcen genannt, etwa durch ehrenamtliches Engagement. Zudem bringen die Autoren eine gesetzliche Verankerung des Schutzes von Kindern als gesellschaftliche Minderheit auf.
Trotz der fundierten Expertise und umfangreichen Zitationen folgt die Argumentationslinie nicht immer einem roten Faden. Der Text wirkt stellenweise fragmentiert und redundant, die Perspektiven der Autoren fügen sich nicht immer zu einem konsistenten Gesamtbild. Zwei Sichtweisen stehen nebeneinander: die staatliche, in der Kinder als zukünftige Arbeitskräfte gelten, und die humanistische, die Kinder als eigenständige Subjekte betrachtet. Diese Spannungen werden selten explizit benannt, die Autoren pendeln zwischen beide Positionen, ohne sie aufeinander zu beziehen.
Weitergedacht führt die Fokussierung auf das Wohl von Kindern, wie es im Text der Fall ist, zwangsläufig zur Frage nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für alle Generationen. Denn eine kindgerechte Gesellschaft ist nicht isoliert denkbar – sie setzt ein Umfeld voraus, in dem auch Erwachsene nicht unter permanentem Leistungsdruck, Optimismuszwang und Arbeitsverdichtung leiden. Der Schutz und die Förderung von Kindern wären dann nicht nur moralisches oder ökonomisches Gebot, sondern Ausdruck eines demokratischen Selbstverständnisses, dass das Wohlbefinden aller Menschen in den Mittelpunkt stellt. Eine solche Perspektive würde über die Kinderfrage hinausweisen – hin zu einer solidarischen, humanistischen Gesellschaftsvision.








