
In ihrem neuesten Werk, Green Crime, wendet sich die bekannte Bestsellerautorin und Rechtspsychologin Julia Shaw, die auch als True Crime Expertin für die BBC tätig ist, einem global relevanten Kriminalitätsfeld zu: den Umweltverbrechen. Shaw zeigt, wer die Menschen sind, die diese Delikte begehen und wer sie aufdeckt.
Shaw bietet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Komplexität illegaler Handlungen, die unserem Ökosystem schaden. Sie definiert Umweltverbrechen präzise, wobei sie sich auf eine Erklärung des Europäischen Parlaments beruft. Demnach ist ein Umweltverbrechen ein illegaler, vorsätzlicher und grobfahrlässiger Akt, der die Erde schädigt. Entscheidend ist, dass nicht nur aktive Zerstörungshandlungen betrachtet werden, sondern auch das Unterlassen einer Handlung, die eigentlich dem Schutz der Erde dienen sollte, als Umweltverbrechen gilt. Die Auswirkungen müssen signifikant sein: Ein Umweltverbrechen liegt vor, wenn Menschen nachhaltig geschädigt oder gar getötet werden, oder wenn erhebliche Belastungen des gesamten Ökosystems entstehen. Ebenso fallen signifikante Schäden an der Qualität von Luft, Boden und Wasser sowie an Flora und Fauna unter diese Definition.
Das Buch bietet eine Struktur, die sowohl die Täter:innen als auch die Mechanismen hinter den Verbrechen beleuchtet. Shaw identifiziert sechs Säulen, die als tragende Ursachen für Umweltverbrechen dienen.
Die erste Säule ist die Bequemlichkeit. Sie beschreibt, dass der Mensch dazu neigt, dem Weg des geringsten Widerstands zu folgen. Wenn Lügen, Umweltverschmutzung und Zerstörung den schnelleren und einfacheren Weg darstellen, wird dieser oftmals gewählt. Als zweite Säule nennt Shaw die Straffreiheit. Umweltverbrechen können dann durchgeführt werden, wenn niemand hinschaut oder es den Täter:innen gelingt, Personen, die einschreiten könnten, von der Sanktionierung abzuhalten.
Die dritte Säule ist die Gier. Hierbei kritisiert Shaw, dass Menschen sich persönlich Allgemeingüter aneignen, die eigentlich allen zustehen, wie beispielsweise gesunde Luft oder gesundes Wasser. Diese Aneignung geschieht zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Vorteil. Die vierte Säule, die Umweltverbrechen erst ermöglicht, ist die Rationalisierung. Menschen erzählen sich selbst Geschichten, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Sie reden sich ein, ihr Vorgehen sei kein großes Problem oder, im Gegenteil, sogar das Richtige.
Als fünfte Säule führt Shaw die Konformität an. Sie beleuchtet, wie der Gruppendruck so mächtig sein kann, dass es den Individuen im Rahmen der Gruppe gar nicht anders zu handeln möglich erscheint. Schließlich zählt Shaw auch die Verzweiflung vieler Menschen als Ursache und somit als sechste tragende Säule auf, wenn Umweltverbrechen geschehen.
Um diese theoretischen Aspekte zu veranschaulichen, erzählt Shaw sechs große Umweltverbrechen detailliert nach. Eines der untersuchten Fälle ist der Abgasbetrug von Volkswagen in den USA. Des Weiteren thematisiert sie die brutalen Verbrechen gegen Umweltschützer:innen im Amazonas. Ein weiteres Kapitel widmet sich den Wilddieb:innen in China. Diese versuchen, primär mit Elfenbein ein Vermögen zu erwirtschaften, steigen aber auch auf andere Tierarten um. Ein dramatisches Beispiel für Gesetzlosigkeit fernab von Kontrolle ist die Piratenfischerei in der Antarktis, wo scheinbar keine Gesetze gelten.
Besonders eindrücklich wird die Verzweiflung als Ursache durch das fünfte Beispiel beleuchtet: der illegale Bergbau in Südafrika. Hier schürfen ärmste Menschen nach Gold oder anderen Metallen und verursachen dadurch schwere Schäden an der Umwelt. Schließlich zeichnet Shaw die Fahrlässigkeit als Grund für Umweltverbrechen nach, wenn sie der Ölpest im Golf von Mexiko nachgeht und detailliert erzählt, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte.
Shaw beschränkt sich nicht darauf, die Täter:innen und deren Motive darzustellen. Das Buch würdigt auch die Menschen, die Umweltverbrechen sichtbar machen und aktiv bekämpfen. Diese werden von Julia Shaw als Held:innen bezeichnet. Dazu zählen Umweltaktivist:innen, investigative Journalist:innen und Wissenschaftler:innen. Sie unterteilt die Kämpfer:innen gegen das Green Crime in drei Rollen. Erstens Beobachter:innen: Das sind diejenigen, die frühzeitig Umweltveränderungen wahrnehmen und diese nicht achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Zweitens Ermittler:innen: Sie gehen systematisch vor, um Umweltverbrechen zu lösen. Drittens Vollstrecker:innen: Deren Aufgabe besteht darin, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Zu dieser Gruppe zählen insbesondere Umweltanwält:innen, die eine entscheidende Rolle spielen, denn sie tragen dazu bei, internationale Abkommen mitzugestalten und durchzusetzen. Wo Gesetze noch Lücken aufweisen, nutzen sie bestehende Gesetze kreativ, um Umweltverbrechern wirksam das Handwerk zu legen.
Für alle, die sich gleichermaßen für True Crime interessieren, die Aufklärung realer Kriminalfälle suchen und ein Engagement für den Umweltschutz mitbringen, ist dieses Buch die richtige Lektüre.








