Jenseits verklärender Reminiszenz suchen die Autoren dieses Bandes kindliche Entwicklung aus der Innenperspektive zu beleuchten. Zeitlicher Rahmen ist die Industriekultur, eine Welt, die mehr als andere zuvor von den Erwachsenen präformiert wurde, während Kindern zuweilen die Möglichkeit der Mitgestaltung, nur selten die Chance der Selbstgestaltung gegeben ist. Im einleitenden Beitrag über Möglichkeiten einer historischen Sozialisationsforschung stellt die Herausgeberin u.a. das Verschwinden alter Dichotomien (Stadt/Land, Proletariat/Bürgertum). den konsumierenden Umgang mit Vorfabriziertem und die Fixierung von Handlungsvorgaben, aber auch die „zweckentfrerndende Rückgewinnung von verbotenem Terrain mit unerschrockener Phantasie" als Charakteristikum kindlichen Verhaltens heraus. Ein weiterer Beitrag zur Bildungsforschung lotet das "Kindsein in Arbeiter- und Bürgerfamilien des Wilhelminischen Reiches" aus. Der zweite Abschnitt des Bandes bietet insgesamt fünf (Iiteratur)historische Beiträge zum Thema, wobei der Vortrag H. Malmedes über den "Genius des Bösen" hervorgehoben sei: Der Autor stellt die barbarische Theorie (und spätere Praxis) sozialdarwinistisch   geprägter Psychiatrie und Pädagogik vor, denen es darum ging, "entartetes" minderjähriges "Material" möglichst auf Dauer "unschädlich" zu machen. Der dritte Abschnitt ist Aspekten gegenwärtigen Kindheits- und Jugenderlebens gewidmet, wobei es u.a. um das Zustandekommen von Kinderalltagen (in der Großstadt) geht; in einer Untersuchung zu verändertem Seh- und Leseverhalten weist. B. Hurrelmann überzeugend darauf hin, dass "Wirklichkeit stets eine Konstruktion darstellt", an der die (visuellen) Medien sinn- und gemeinschaftsstiftenden Anteil hätten. K. Rutschky beschreibt die Schule kritisch als "neuzeitliches Ritual": "für Kinder gedacht, befindet sie sich ... faktisch in den Händen derer, die dort ihren Dauerarbeitsplatz haben". Anstatt Selbständigkeit und Originalität zu prämieren, sei die Institution darauf ausgerichtet, den Gegensatz der Generationen zu fixieren. Bedauerlich, dass der verheißungsvolle Text nicht verstärkt auch antizipatorisch kreative Aspekte kindlicher Entwicklung bereithält. 

Kinderwelten. Hrsg. v. Christa Berg. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1991. 336 S., (es; 1624) DM 18,- / sFr 15,30/ öS 140,40