Riane Eisler

Die verkannten Grundlagen der Ökonomie

Online Special
Die verkannten Grundlagen der Ökonomie

Wie kann es sein, dass Menschen – trotz ihres kreativen Potenzials und ihrer Fähigkeit zur Empathie – in der Welt so viel Schaden anrichten, an sich selbst, an anderen Menschen und an der Umwelt? Die US-Soziologin und Kulturhistorikerin Riane Eisler hat dafür eine plausible Erklärung: die Abwertung der mehrheitlich noch immer von Frauen verrichteten sorgenden Tätigkeiten im modernen Industriekapitalismus. Laut gängiger Wirtschaftstheorie ergebe sich der Wert eines Produktes oder einer Dienstleistung aus Angebot und Nachfrage. Dies greife jedoch zu kurz, weil Bedürfnisse kulturell geformt sind und häufig künstliche Knappheiten erzeugt werden. Viel vernünftiger wäre es diesen Wert daran zu bemessen, ob damit dem Überleben und der Weiterentwicklung der Menschen gedient wird. Eisler spricht daher von einer Caring Ökonomie, die auf Fürsorge basiert. Ihr 2007 unter dem Titel The Wealth of Nations in den USA publiziertes und in zahlreiche Sprachen übersetztes Buch ist nun endlich mit einem aktuellen Vorwort auch auf Deutsch erschienen.

Plausibel zeichnet Eisler die „verkannten Grundlagen der Ökonomie“ – so der Titel der deutschen Ausgabe – nach und kommt damit, wie andere Vertreterinnen und Vertreter einer feministischen Ökonomie, zu Schlussfolgerungen, die das gegenwärtige Wertesystem des Wirtschaftens gänzlich in Frage stellen. Wenn wir unser Wirtschaftssystem ändern wollen, dürfen wir uns nicht auf die Wirtschaft allein konzentrieren, so die Autorin folgerichtig. Um ineffiziente, ungerechte und umweltschädigende Wirtschaftspraktiken zu überwinden, müssten wir die kulturellen Kontexte verändern. Beim Wirtschaften gehe es nicht um Verbindungen zwischen Gütern, sondern zwischen Menschen: „Unser Leben wird von Beziehungen bestimmt. Beziehungen bilden die Grundlage aller gesellschaftlichen Institutionen – angefangen von der Familie, Erziehung und Bildung bis hin zu Politik und Wirtschaft.“ (S. 36)

Plädoyer für eine Aufwertung der Care-Tätigkeiten

Eisler fordert uns dazu auf, „Wirtschaft im Weitwinkel“ (so ein Unterkapitel) zu betrachten. Sie unterscheidet zwischen einem „Dominanz- und Partnerschaftssystem“. Beide seien in jeder Gesellschaft vorhanden. Die allgemeine Lebensqualität sei jedoch in Ländern, die sich am Partnerschaftssystem orientieren, höher, etwa in skandinavischen Ländern. Nur wenn wir die dem Wirtschaften zu Grunde liegenden Werte verändern, hätten wir eine Chance, Probleme wie Ungerechtigkeit, psychisches Leiden oder Umweltzerstörung zu lösen. Das erfordere auch eine Veränderung der Geschlechterrollen – hier übt Eisler auch Kritik an den sozialistischen Bewegungen. Ziel müsse ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem sein, das Frauen nicht länger aus bestimmten Domänen ausschließt und in welchem auch Männer Care-Arbeit übernehmen.

Wie soll das konkret erreicht werden? Eisler plädiert für eine starke Aufwertung der Care-Tätigkeiten etwa in den wirtschaftlichen Kennzahlen, das Ende der Vergeudung von Ressourcen vor allem für die gigantischen Rüstungsausgaben, die anderswo Knappheiten erzeugen, sowie für die Nutzung der Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften. Evolutionär sei „das Potenzial für Fürsorge ebenso in uns angelegt wie das Potenzial für Grausamkeit.“ (S. 154). Auch Ergebnisse der Spieltheorie zieht Eisler für ihr Plädoyer einer Fürsorge-Ökonomie heran. Menschliche Beziehungen lösen demnach stärkeres Wohlbefinden aus als finanzieller Gewinn. Neue Technologien bewertet Eisler nach der Art ihres Einsatzes – sie können nützen oder schaden.

Neue Wirtschaftsregeln sind notwendig

Im letzten Kapitel, mit „Care-Revolution“ überschrieben, beschreibt Eisler, wie sie sich gemeinsam mit anderen für Frauengleichberechtigung und gegen den „Gender-Doppelstandard“ (S. 170) engagiert, wie wir neue Wirtschaftsregeln etwa für lokale Produktion von Lebensmittel und bessere Maßzahlen für Wohlstand einfordern und wie Unternehmen, Regierungen und soziale Bewegungen für den Paradigmenwechsel und die Transformation arbeiten können. Immer wieder betont die Soziologin dabei, dass Wirtschaftssysteme von Menschen geschaffen sind und von Menschen verändern werden können: „Jede Institution der Wirtschaft und jedes Wirtschaftsprogramm ist eine menschliche Erfindung – angefangen von Banken und Unternehmen bis hin zu Arbeits- und Sozialversicherungen.“ (S. 173)

Riane Eisler bezieht klar Standpunkt, sie bringt Dinge auf den Punkt und fasst zusammen, was im Bereich der feministischen sowie heterodoxen Ökonomie seit längerem diskutiert wird, sich aber bisher viel zu wenig durchgesetzt hat. Ein Buch, das uns allen wärmstens zu empfehlen ist. Und das durch die Corona-Pandemie ganz neue Aktualität erlangt hat.