Nach "den Grenzen des Wachstums" deutet dieser neue Bericht bereits im Titel auf unsere gegenwärtige Situation hin. Es erhebt sich sogleich die Frage, ob der 1972 erschienene Band nichts bewirkt hat außer einer weltweiten Diskussion über die Zukunftsaussichten der Menschheit und einer Schärfung des Bewußtseins für die großen globalen Probleme. Zumindest war die Cassandra-Funktion der "Grenzen des Wachstums" unübersehbar, was sich nicht zuletzt in der heftigen Kritik niederschlug.

Zu Beginn geht Pestel in seiner Neubewertung auf diesbezüglich geäußerte Probleme (Krisenentwicklung sei divergierend und nicht überall und gleichzeitig; Computermodelle seien zu wenig differenziert) ein. "Die Probleme, denen heute die ,wirkliche' Welt gegenübersteht, haben ihre Wurzeln hauptsächlich in der Tatsache, daß wir uns überall in der Welt in einer Periode sich rasch vollziehenden Übergangs befinden: An dem einen Ende des Spektrums sehen wir viele Entwicklungsländer im Übergang von einer vorwiegend landwirtschaftlichen Gesellschaft in die Frühphase einer Industriegesellschaft, während sich am anderen Ende des Spektrums die führenden Industriegesellschaften auf dem Wege in die ,nachindustrielle' Gesellschaft befinden." Unbegrenztes Wachstum ist für Pestel nicht vorstellbar. Er sieht Parallelen zum Wachstum in der Natur und führt deshalb den Begriff "organisches Wachstum" - besser gesagt, organische Weltentwicklung - ein.

Der zweite Teil "Wege in die Zukunft" bietet keine Rezepte "von der Stange", denn wir haben allenfalls Optionen für Zukunftsalternativen. Bei dem Paradigma des organischen Wachstums geht es um ein möglichst zutreffendes Bild unseres gegenwärtigen Zustands, um zu begreifen, wie es dazu gekommen ist. Welche Kräfte haben den Wandel der Zeiten herbeigeführt und welche Kräfte sind aufzuspüren, die auf dem Weg in die Zukunft zu wesentlichen Kurskorrekturen führen könnten.

Diese Wege in die Zukunft werden anhand von vier ausgewählten Problemfeldern dargestellt (nukleare Abschreckung, gesellschaftliche Leistungsfähigkeit, Technologie und Entwicklung sowie Energie und Umwelt). Pestel weist ausdrücklich auf die Vorbildfunktion der Reichen und Mächtigen für die Gestaltung der Zukunft hin. Der einzige Schlüssel zur Lösung unserer Probleme ist die Orientierung an der Qualität des Wirtschaftswachstums, die Stärkung der Qualität des Menschlichen.

Trotz überzeugender Ansätze überrascht Pestels Festhalten an zumindest fragwürdigen Theorien und Fortschrittskonzepten. So muß er hinsichtlich seiner Bewertung der Atomenergie als einer der "ewig Gestrigen" angesehen werden, die seiner Ansicht nach unter der Vorbedingung globalen Friedens weiter ausgebaut werden sollte. Für Diskussionsstoff und Kritik ist also auch, „jenseits der Grenzen des Wachstums" ausreichend gesorgt.

Pestel, Eduard: Jenseits der Grenzen des Wachstums. Bericht an den Club of Rome. Stuttgart: Dt. Verl.-anst., 1988.208 S. DM 24,- l sfr20,30 I öS 187,20