Donella H. Meadows, Dennis Meadows, Jürgen Randers

Die Grenzen der Hoffnungslosigkeit

Ausgabe: 1992 | 2

Editorial 1992/2:

Zwei Jahrzehnte ist es jetzt her, dass der vom „Club of Rome“ bestellte und von einem Team des Massachusetts Institute of Technology unter Leitung von Donella und Dennis Meadows verfasste Zukunftsbericht über die „Grenzen des Wachstums“ die Weltmeinung erschütterte. Zu Recht: denn erstmals wurde mit Hilfe objektiver Daten und vernetzten Computermodellen aufgezeigt, dass die Menschheit sich auf einem verhängnisvollen Weg befinde. Zwanzig Jahre danach – nicht zufällig wieder zu Beginn einer globalen Umweltkonferenz – haben die Verfasser ihre Prognosen überprüft und sind zu der Überzeugung gelangt, dass ihre Schlussfolgerungen jetzt noch entschiedener formuliert werden müssen. Der Kernsatz dieser verschärften Warnung lautet: „Die Nutzung vieler natürlicher Ressourcen und die Freisetzung schlecht abbaubarer Schadstoffe haben bereits die Grenzen des physikalisch auf längere Zeit Möglichen überschritten. Wenn der Einsatz dieser Materialien und Energieflüsse nicht entscheidend gesenkt wird, kommt es in den nächsten Jahrzehnten zu einem nicht mehr kontrollierbaren Rückgang der Nahrungsmittelerzeugung, der Energieverfügbarkeit und der Industrieproduktion.“ Trotzdem ist ihr jüngstes Werk, „Die neuen Grenzen des Wachstums“, in Tonfall und Ausrichtung ganz anders als das frühere. Denn sie haben erfahren müssen, wie ihre damalige Arbeit als eine Art Todesurteil aufgefasst wurde, obwohl sie betont hatten, dass die vorherrschenden Wachstumstrends geändert werden könnten. Aber diese Chancen waren zu wenig herausgearbeitet worden. In der neuen Studie dagegen werden die Möglichkeiten zur Überwindung der Krisen in den Vordergrund geschoben, obwohl sie sich durch das unterschätzte Tempo der Zunahme der Bevölkerung und deren Ansprüchen weltweit zumindest auf kurze Sicht verschärfen müssen. Es werden je nach Gewichtung der zu treffenden Entscheidungen verschiedene Szenarios von „sustainable societies“ entwickelt, ein Grundbegriff, der mit der in der deutschen Übersetzung verwendeten Vokabel „nachhaltig“ nur teilweise erfasst wird. Wie muss nun eine „nachhaltige Gesellschaff“ aussehen? Die Antwort: „Sie ist so weitsichtig wie wandelbar und so weise, dass sie ihre eigenen materiellen und sozialen Existenzgrundlagen nicht unterminiert.“ Das muss, wie die Verfasser immer wieder betonen, keineswegs Mutlosigkeit und Stillstand bedeuten, sondern vielmehr eine ganz andere Art des Wachstums einleiten, die „qualitative Entwicklung, nicht materielle Expansion anstrebt, sozialen Zielen dient und die Stabilität fördert“. Wie kann aber die notwendige tiefe Wandlung, die hier wie schon im Brundtland Bericht der UNO als Voraussetzung und unerlässliche Notwendigkeit mit größter Eindringlichkeit gefordert wird, ohne tiefgreifende Erschütterungen verwirklicht werden? Hier setzen die beiden amerikanischen Zukunftsdenker und ihr norwegischer Mitarbeiter Jürgen Randers auf die überzeugende Kraft möglichst vielfältiger, genauer Information, die es der Menschheit endlich ermöglichen soll, nicht mehr tastend und ungewiss, sondern sehend – oder zumindest weniger blind als bisher – über ihr Schicksal zu entscheiden. Ob allerdings die Mächtigen, die heute noch das Sagen haben, sich so vernünftig, so weise verhalten werden, wie Meadows und seine Mitarbeiter annehmen? Der Verlauf der Rio-Konferenz kann leider so verstanden werden, dass einmal mehr die deutlichen und belegbaren Warnungen missachtet werden. Aber das ist vermutlich ein zu pessimistisches Urteil. Immerhin haben sich in den zwanzig Jahren, die zwischen den beiden großen Umweltkonferenzen liegen, die Stimmung und das Bewusstsein von Milliarden schon so deutlich geändert, dass der Druck der Gefährdeten auf die Entscheidungsträger gewachsen ist und weiterwachsen wird. Die notwendigen Informationen sind also bereits weit durchgedrungen. Hoffnungslosigkeit ist in dieser Situation nicht angebracht. Sie lähmt all diejenigen, die hoffend und handelnd gegen alle Wahrscheinlichkeit darauf setzen, dass eine immer besser über ihr Schicksal informierte Menschheit imstande sein müsste, auf eine erträgliche, ja, lebenswerte Zukunft hinzuarbeiten. Als mitentscheidend – auch die Erwähnung dieses Faktors ist neu bei den Meadows – gilt ihnen der „Erfindungsgeist“ der Menschen, dem sie jetzt einen bedeutenden Stellenwert geben, sowie die besondere menschliche Fähigkeit, Visionen zu entwickeln. Ihr bemerkenswertes neues Credo: „Eine neue Gesellschaft kann niemals zustande kommen, wenn sie nicht visionär vorgezeichnet wird. Diese Vision baut auf den Beiträgen sehr vieler Menschen auf ...“