Geht der Ökologiebewegung in Anbetracht "neuer gesellschaftlicher Herausforderungen" die Luft aus? Diese These kann zumindest mit dem Blick auf das seit Jahren bewährte "Jahrbuch Ökologie" - seit kurzem liegt die Ausgabe 1999 vor - kritisch hinterfragt - und mit guten Gründen bezweifelt werden. Denn wie an kaum einem anderen Ort sind hier (in bewährter Struktur) die tatsächlich spannendsten Fragen und Themen des aktuellen Diskurses versammelt: Das einleitende Perspektiven-Kapitel eröffnen Bruno S. Frey und Marcel Kucher mit dem Beitrag "Umweltmoral oder Umweltökonomie" in dem sie einen "Verdrängungseffekt" zugunsten "extrinistischer Motivation" ausmachen: Politische Steuerung, so ihre These, nehme die Wirtschaft auch gegenüber der Umwelt mehr und mehr in die Pflicht und ersetzte so die persönliche begründete Werteorientierung des Einzelnen. Als "spannend und niederdrückend zugleich" befundet im folgenden Carl Amery den von Helmut Schmidt initiierten Diskurs um eine "Deklaration der Menschenpflichten" In ihm würden - so Amery gleichermaßen sarkastisch gegenüber Verfechtern ökonomischer Globalisierung und Vertretern der Weltethos-Idee - ”Plattweltler und, Ptolemäer" Facetten (öko)kategorischer Imperative austauschen und doch am anthropozentrischen Weltbild festhalten. Daß auch die Ökologie "neue Männer braucht'; ist die zentrale These Max Pescheks, der dem Zusammenhang von Geschlecht und Ökologie nachspürt.

Die "Schwerpunkte" des Bandes sind vier Themen gewidmet, und zwar der "Lokalen Agenda 21" - mit Überlegungen zur Ökologie und Zukunft der Stadt (B. Hamm und M. Zimmermann) sowie zur Rolle regionaler Netzwerke (H. Majer), dem Aspekt "Frauen und Umwelt" - u. a. I. Schultz zur "Gestaltungsmacht der (Haus)Frauen - den Stoffkreisläufen (vom Kohlenstoff bis hin zum "Faktor 10"), und schließlich Brennpunkten der "Internationalen Umweltpolitik": Während B. Pillardeaux etwa Fortschritte auf dem Gebiet des Bodenschutzes ausmacht, findet M. Stock das Treiben über den Wolken [keineswegs] unter aller Kritik, da sich die "ökologische Schädlichkeit des Fliegens - zumindest was das Klima angeht - noch (!) in Grenzen hält" (S. 157).

Im "Disput" zur Frage "Erdmanagement - Vision oder Alptraum" stehen drei Positionen auf dem Prüfstand: H.-J. Schellnhuber plädiert im Sinne J. Lovelocks für globales Umwelt- und Entwicklungsmanagement, V. Winiwarter / H. Haberl warnen hingegen vor der weiteren "Kolonialisierung der Erde" und sehen im globalen Management durch "Ökoingenieure" eine weitere Drehung an der "Risikoschraube'; und schließlich wirbt W. Sachs differenzierend für die Einübung des ”Astronautenblicks" Ein Beitrag zur Umweltgeschichte, "Erfahrungen, Exempel, Ermutigungen" (u. a. zur Rolle von Umweltverbänden in der Klimapolitik und zum schweren Stand der Windenergie) sowie eine Würdigung des Umweltpioniers Herbert Gruhl runden den Band ab.

Dem Team um Udo E. Simonis, der für die Redaktion verantwortlich zeichnet, ist es einmal mehr gelungen, das Außergewöhnliche zum mittlerweile zu Recht erwarteten Maß der Darstellung zu machen. Kompliment!


W Sp.

Jahrbuch Ökologie 1999. Hrsg. v. Günter Altner ... München: Beck, 1998.287 S. (Beck'sche Reihe; 1268) DM 24,- / sFr 22,- / ÖS 175,-