Es gibt Vorurteile, die zu bekennen auch in der Öffentlichkeit kein Problem bereitet: Ich zähle vorauseilende Sympathie für das "Jahrbuch Ökologie" und seine Herausgeber - von denen Udo E. Simonis (WZB Berlin) als redaktionell Verantwortlicher hervorzuheben ist - zu den meinen. Die Lektüre des jüngsten, hier anzuzeigenden Bandes festigt diesen Vertrauensvorschuß, denn in Struktur, Themenwahl, Sachlichkeit und Engagement gibt es im deutschsprachigen Raum in Sachen Ökologie wohl kein (zudem so wohlfeiles) Periodikum, in dem die Vorzüge breit gestreuter Aktualität und profunder Auseinandersetzung gleichermaßen überzeugend und allgemeinverständlich vermittelt werden. Wenn Hermann Scheer zu Beginn des einleitenden Perspektiven-Kapitels dafür plädiert, "der Sonnenenergie zum Durchbruch zu verhelfen", und dabei einmal mehr verbreitete Bedenken ausräumt, so stellt sich in der Tat die Frage, wann uns denn diesbezüglich endlich das Licht aufgeht. Als Parameter des (übermäßigen) Naturverbrauchs stellt im folgenden H. Haberl die Energie-Nettoprimärproduktion grüner Pflanzen vor und plädiert u.a. für die "kaskadische" Nutzung von Biomasse. Daß in puncto Massentierhaltung v.a. auch die Verbraucher auf der Anklagebank zu sitzen hätten, die für Nahrungsmittel   immer weniger ausgeben - 1950 im Bundesdurchschnitt noch 43, 1995 nur noch 13 Prozent des Einkommens - ist ein Ergebnis des Beitrags von KaiUwe Drews. Martin Jänicke schließlich erläutert Defizite des vorherrschenden "umweltpolitischen Instrumentalismus" und stellt dagegen das Modell "strategischer Umweltplanung" zur Diskussion. Von den vier Schwerpunktthemen dieses Bandes - "Kinder und Umwelt", "Ökologische Lebensstile", "Ökologische Philosophie" sowie "Tourismus und Umwelt" - möchte ich den Beitrag von K.-M. Meyer-Abich über "Praktische Naturphilosophie des menschlichen Handelns im Ganzen der Natur" sowie Günter Kunerts Beitrag zum Thema "Warum schreiben?" hervorheben. Die Bedeutung künstlerischen Schaffens als Beitrag zu (auch ökologisch) gelingendem Leben verdiente weitere und umfassendere Betrachtung. G. Tenzer, H. W. Opaschowski und R. Grießhammer geben sich im Disput zum Thema "Neue Medienwelt und Umwelt" als streitbare Kontrahenten, wobei skeptische Töne vorherrschen. (Die nur zögerliche Anwendung und nur geringe Umweltentlastung durch neue Technologien werden möglichen Vorzügen gegenübergestellt.) Im Kapitel "Umweltgeschichte" geht H.-J. Luhmann u.a. am Beispiel von Rachel Carson („Der stumme Frühling") dem Zusammenhang von Biographien und Umweltengagement nach. Ehe im Abschnitt "Spurensicherung" R. Jungk, H. Paucke und - auch stilistisch ein Gustostückerl - W. Siebeck das Wort gegeben wird, dokumentieren insgesamt neun Exempel, Erfahrungen und Experimente, daß in Sachen Umwelt noch lange nicht Hopfen und Malz verloren sind. W Sp.

Jahrbuch Ökologie 1997. Hrsg. v. Günter Altner ... München: Beck, 1996. 344 S.