Die Frage ist, ob der Begriff Interdisziplinarität einen Weg bezeichnet, der die Orientierungslosigkeit der Wissenschaft mangels Überblick zu beseitigen hilft. Sozusagen als Voraussetzung für eine adäquate Antwort geht Schneider zunächst auf die Probleme Ausbildung und Disziplinarität ein, indem er dafür maßgebliche Kriterien ausfindig macht. Er spricht von "doppelter Versäulung" bei der Ausbildung.

Der Wissenschaftler wächst nach spezialisierter Ausbildung in eine Disziplin hinein. Das anerzogene Handlungsmuster steht den Verständigungsbemühungen oft im Wege. Daher gilt, "sich der eigenen scheinbaren Selbstverständlichkeiten bewußt zu werden und dem anderen im Ernst zuzubilligen, daß er bislang von anderen (Voraussetzungen) ausgegangen ist, die im ersten Durchgang nicht als weniger zulässig. als die eigenen eingestuft werden dürfen". Der Autor versteht demnach Interdisziplinarität als Eigenschaft wissenschaftlicher Verständigungsbemühungen und auch als Thematisierung disziplinkonstituierender Handlungsformen.

Damit interdisziplinäre Arbeit gelingen kann, schlägt Schneider einige Bedingungen vor: Reflexion des disziplinär und historisch Besonderen an der speziellen wissenschaftlichen Zugriffsweise, frühzeitige Übung darin, Verankerung dieser Aspekte in den Studienordnungen sowie risikobereites Interesse an der außer- oder transdisziplinären Beurteilung der eigenen Arbeit. Wer sich darüber hinaus mit dieser Thematik befassen will, dem seien noch die Beiträge: Von der Disziplinlosigkeit zur Kulturlosigkeit? von Walther eh. Zimmerli, S. 4-11, und Sinn und Unsinn der Interdisziplinarität von Friedrich H. Tenbruck, S. 16-20, als Teile des Schwerpunktes "Interdisziplinarität - mehr als nur ein Schlagwort?" im gleichen Heft empfohlen.

Schneider, Hans Julius: Interdisziplinarität: Floskel oder Notwendigkeit? In: Universitas. 43. Jg. (1988), Nr.500, S. 12-15