Ulrike Felt

Welche Wissenschaft für welche Gesellschaft?

Online Special
Welche Wissenschaft für welche Gesellschaft?

Ulrike Felt macht sich als Professorin für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Wien tiefgreifende Gedanken über die Zukunft der Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft. In ihrem Essay – entstanden im Rahmen der Wiener Vorlesungen, einem Wissenschaftsformat der Stadtregierung Wien, das die Einbeziehung der Öffentlichkeit in den wissenschaftspolitischen Diskurs zum Ziel hat – wirft Felt zwei Fragen auf, deren Aktualität vor dem Hintergrund von Klimakrise und Covid-19 Pandemie nicht deutlicher sein könnte: „Welche Wissenschaft braucht unsere Gesellschaft, damit wir unseren Herausforderungen lokal und global begegnen können? Aber auch: Welches gesellschaftliche Umfeld, welche Unterstützung braucht unsere Wissenschaft, damit sie dieser Rolle gewachsen sein kann“ (S. 60)?

 

Vier Thesen für eine nachhaltige Wissenschaft

Davon ausgehend, dass die gesellschaftliche Entscheidung, wie wir in Zukunft leben wollen, normativ bedingt, was für eine Wissenschaft wir brauchen, stellt Felt vier Thesen für eine nachhaltige Wissenschaft auf, die von einer nachhaltigen Gesellschaft benötigt wird. Erstens, wir benötigen Generationengerechtigkeit als einen gemeinsamen Wert von Wissenschaft und Gesellschaft. Heutige Wissenschaft soll ein möglichst diversifiziertes Wissen generieren, um eine breite Grundlage für die Beantwortung zukünftiger Fragen zu schaffen.  Zweitens, wir brauchen einen proaktiven Umgang mit Unsicherheiten und Nichtwissen als Triebkraft von Wissenschaft, um eine Vertrauensbasis zu erlangen auf Grundlage derer Wissenschaft als Ressource in gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozessen dienen kann, politisches Handeln und Wertediskussionen jedoch nicht ersetzt. Drittens, wir benötigen eine Forschungskultur der Zusammenarbeit, Offenheit und Umsicht, die Möglichkeiten für die ergebnisoffene Beantwortung langfristig angelegter, vielseitiger und komplexer Forschungsfragen in interdisziplinärer Kooperation bietet. Viertens, wir bedürfen „einer bewussten Diversitätsstrategie, um eine integrative wissenschaftliche Gemeinschaft zu bilden“ (S. 54), die sozialverträglich gestaltet ist und Forschende in ihren individuellen Lebensentwürfen unterstützt. Ausgehend von diesen Gedanken plädiert Felt für eine veränderte Struktur-, Zeit- und Wertepolitik, um in Zukunft eine nachhaltige und wertorientierte Entwicklung der Wissenschaft zu unterstützen. In seiner Komplexität geht der Essay somit über aktuelle Forderungen nach veränderten Arbeitsbedingungen für Forschende, wie sie in Deutschland bereits unter dem Hastag #IchBinHanna öffentlich eingefordert werden, hinaus. Es wird vielmehr ein umfassendes Bild gezeichnet, in dem die Vielschichtigkeit und Tragweite des notwendigen Wandels in der Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft auch Außenstehenden des Wissenschaftssystems ersichtlich wird.