Der Glaube an Fortschritt und Technik wird mehr und mehr von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt. Dies bestätigen auch Demoskopie-Ergebnisse. Diese sogenannte Postmoderne drückt sich in öffentlichkeitswirksamen Protesten gegen den Fort-Schritt nach. Seveso, Bhopal, Tschernobyl und Basel aus. Am Beispiel der Atomenergie zeigt sich ebenfalls ein deutlicher Rück-schritt, besieht man sich die Zahlen der stornierten Bauvorhaben. Im Bewußtsein scheint also die "Schwelle" erreicht, wo die Schäden, die ein System hervorruft, größer werden als die Vorteile. Die alten Werte geraten ins Wanken und manch einer mag nur mehr von "Fort-Schrott" (J. Henningsen) sprechen. Die Verantwortung der Wissenschaftler wird vom Großteil der Autoren sehr hoch bewertet.

Die einzelnen Beiträge befassen sich demnach mit unterschiedlichen Problemfeldern der "mißbrauchten Autorität der Wissenschaft". Am Beispiel der Waffenforschung und -produktion wird nicht nur der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung festgehalten, sondern mehr noch auf die Verpflichtung aller Beteiligter hingewiesen, keine neuen Waffen zu entwickeln und zu bauen. Eindrucksvoll belegt Jürgen Altmann die Skepsis vieler US-Wissenschaftler hinsichtlich des SDI-Programms und dokumentiert die kritische Diskussion darüber. In einem weiteren Beitrag wird die eminent politische Dimension der Sozialstatistik und der empirischen Sozialforschung unter die Lupe genommen (H. Wienold).

Der aktuellste Forschungsbereich - Gentechnologie - zeigt am deutlichsten die Notwendigkeit einer Technologiefolgen-Abschätzung, die eine interdisziplinäre Diskussion zwischen allen Wissenschaftlern, Forschern und Anwendern erfordert. Im Beitrag "Die mißbrauchte Autorität der Wissenschaft" (R. Tschiedel) wird - entgegen dem Eingangsstatement darauf hingewiesen -, daß der Glaube an die Wissenschaft im Grunde ungebrochen besteht. Verschiedene Konzeptionen einer „Neuen Wissenschaft" werden als "zeitweilige Abirrung" bezeichnet. Mißbräuche der Autorität liegen bei "alter" und "neuer" Wissenschaft dann vor, wenn sie zur Konfliktvermeidung durch "Akzeptanz" (Beispiel Tschernobyl) gebraucht wird.

Im großen Zusammenhang gelingt es hier, das Problembewußtsein für die Folgen eines ungehemmten Fortschritts in Forschung und Technik zu stärken. Als verantwortungslos entlarvt wird die Maxime der Wertfreiheit, auf die sich Wissenschaftler zurückziehen, wenn ihre Verantwortung gefordert wird. Der Hinweis auf die erst in Ansätzen vorhandene Technologiefolgenabschätzung vor Einführung neuer Technologien sollte Anlaß sein für weitere Vorschläge zur Erweiterung dieses Ansatzes.

Entfesselte Forschung. Die Folgen einer Wissenschaft ohne Ethik. Hrsg. v. Anton-Andreas Guha und Sven Papcke. Frankfurt/Main: Fischer, 1987. 218S. DM 14,80/sFr 12,40/öS 115,40