Daß die Literatur sehr rasch auf gesellschaftliche Gegebenheiten reagieren kann, ist einmal mehr an der Fülle von Texten zu den Themen Heimat, Gewalt und Fremdenhaß nachzuweisen. Die Auseinandersetzungen mit äußeren und inneren Grenzen finden in unterschiedlichen Formen und von verschiedenen Standpunkten ausgehend statt. So erzählt die österreichische Autorin Waltraud Anna Mitgutsch in ihrem Roman "In fremden Städten': von den verzweifelten Versuchen der Amenkanerin Lillian.   in Österreich heimisch zu werden, bei ihrer Familie, aber mehr noch in der Sprache; Lillians Auseinandersetzung mit ihrem Fremdsein wird immer existentieller, Alltagszenen verdichten sich zu dem Ausruf: "Wie dieses Land es schafft, mich umzubringen." Ein Ausschnitt dieses Romans findet sich in der vorliegenden Anthologie und markiert damit einen Eckpunkt der Sammlung: psychische Momente des Fremdseins, des Ausgesperrtseins in gesicherten materiellen Verhältnissen. Wie nachvollziehbar das Leiden am offensichtlichen Nicht-Dazugehören auch ist. es verdichtet sich angesichts vehementer äußerer Bedrohungen: Beiträge über Verfolgte des Nationalsozialismus zeigen ebenso wie Texte über Gewalt gegen Asylanten, daß hier kaum ein "gesundes Innen" im "kranken Außen" entstehen kann. Das Autorenverzeichnis hält lediglich die Geburtsorte und -jahre der Verfasserinnen fest, etwa eine May Ayim, die 1960 in Hamburg geboren ist: So ist es selbst ein Beitrag, der zeigt, daß Heimat und Fremde neue Dimensionen bekommen haben. Und es gilt noch immer die Aussage Ilse Aichingers: '" und die Fremdesten sind, die sich am meisten zu Hause fühlen! C. R.

Schweigen ist Schuld. Ein Lesebuch der Verlagsinitiative gegen Gewalt und Fremdenhaß. Hrsg. v. d. Verlagsinitiative gegen Gewalt und Fremdenhaß. Hamburg: Luchterhand-Verl., 1993. 379S., DM 8,- / sFr 6,80 / öS 62,40