Aladin El-Mafaalani

Wozu Rassismus?

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Wozu Rassismus?

„Weniges wird derart stark geächtet wie der Rassismus. Nicht einmal lupenreine Rassist:innen bezeichnen sich als solche.“ (S. 7) Der Soziologe Aladin El-Mafaalani hält fest, dass trotz der hohen Anzahl rassistischer Übergriffe und Gewaltakte die Ablehnung von rassistischen Äußerungen, die Organisation von Antirassismus-Initiativen u. Ä. so groß ist wie nie zuvor. Wozu Rassismus? ist die leit- und titelgebende Frage El-Mafaalanis kritischer Gesellschaftsanalyse, die den Ursprung diskriminierender Äußerungen und gesellschaftspolitischer Strukturen in der Geschichte sucht.

Wie El-Mafaalani feststellt, wiegt das Erbe des Kolonialismus schwer: Die Legitimation der eigenen Herrschaft geht auf Ausschlussmechanismen all jener zurück, die nicht der europäischen „Norm“ entsprechen. Durch eine Gedächtnispolitik, die Schweigen der historischen Selbstreflexion vorzieht, wiederholt sich die koloniale Macht im neukolonialem Kontext. Nach El-Mafaalani äußert sich das etwa in der Sprache und der Überlieferung rassistischer und sexistischer Diskurse in zeitgenössischen Wissens- und Wissenschaftsstrukturen. Unsere Denk- und Handlungsmuster sind historisch gewachsen und werden im Schweigen reproduziert anstatt dekonstruiert.

El-Mafaalani hält dem allerdings dagegen: „Niemand möchte ein Rassist sein, fast niemand möchte rassistisch gehandelt haben, Rassismus ist ein extrem schwerwiegender Vorwurf.“ (S. 90). Die dringende und absolute Ablehnung diskriminierender Ausdrucksformen führt zu einer Verschiebung offen rassistischer Akte zu subtileren Äußerungen, die Erklärungen fordern. Die Thematisierung von rassistischen Erfahrungen durch Betroffene einerseits und die zunehmenden Diskurse auch weißer Personen in allen Feldern tragen zu einer zunehmenden Sensibilisierung bei. Unter Rassismuskritik versteht der Autor eine „soziale Positionierung, als Perspektive auf die Welt und als soziale Praxis der Reflexion.“ (S. 142)

Wozu Rassismus? ist eine kompakte Einführung zur Geschichte des Rassismus und des rassismuskritischen Widerstands, die daran erinnert, eine selbstkritische Perspektive einzunehmen, tradierte Strukturen zu hinterfragen und nicht zuletzt – uns an die zahlreichen Opfer rassistischer Gewalt zu erinnern.