Ein Band von seltener Dichte und Vielfalt. Beinahe jeder der dreizehn auf die im Juni 1992 zum 19. Mal stattgefundenen "Frankfurter Römerberggespräche " zurückgehenden Beiträge wäre es wert, eigens besprochen zu werden. Nicht nur, daß unterschiedliche Zugänge thematisiert werden - von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft über die Philosophie und Staatslehre bis hin zur Psychoanalyse -, „Europa" wird auch bewußt als Ganzes und nicht in der häufig anzutreffenden Reduktion auf die EG wahrgenommen. Im "Augenblick des Triumphes" sei Europa seiner selbst unsicher geworden, so die Herausgeber im einleitenden Beitrag. In Osteuropa ließen die Erfolge in jeglicher Hinsicht auf sich warten, und das vorherrschende Zutrauen in die Macht des Ökonomischen sei trügerisch. Der Wirtschaftswissenschaftler Eric Hobsbawm spricht von einer „Doppelkrise": der mit dem Zusammenbruch des Kommunismus einhergehenden Krise in Osteuropa stehe eine westliche Modernisierungskrise zur Seite, es handelt sich also um eine Krise des Modernisierungsprogrammes generell. Wo liegen Zukunftsperspektiven? Der Philosoph Walter Ch. Zimmerli sieht das "Ende idealmonistischer Systeme" gekommen und plädiert für Pluralisierung als "Grundmuster der europäischen Einigung". Der Soziologe Meinhard Miegel erkennt die "vorwiegend ökonomisch determinierten Weltsichten " der Westeuropäer als sich auf schmalem Grat bewegend und empfiehlt dem Osten, von Beginn an mehr den "Seinswerten" als den „Habenswerten" zu folgen. Mehrfach werden die Nationalitätenkonflikte in Osteuropa und der Krieg am Balkan thematisiert. Der Rechtswissenschaftler Ernst-Wolfgang Böckenförde unternimmt den Versuch, das multinationale System der Schweiz, das er dem ethnisch-kulturellen Nationenbegriff Deutschlands und dem politisch-kulturellen Frankreichs als überlegen voranstellt, auf die keineswegs ethnisch homogenen Gesellschaften Ost- und Südosteuropas zu übertragen, wobei "internationale Gewährsträger" - wie Österreich im Falle Südtirols unbedingt nötig seien. Psychoanalytisch deutet Hermann Beland die neue, Europa erfassende Welle von Nationalismus, Gewalt und Fremdenhaß, die das mit Wegfall des Kalten Krieges und seiner Feindbilder entstandene Vakuum füllten. In einem gesamteuropäischen Prozeß der "Schuldtoleranz", die den Völkern Aufarbeitung eigener Schuld ebenso ermögliche wie Vergebung, sieht er eine Chance und Aufgabe für die Zukunft des verunsicherten Kontinents. Zuletzt erinnert Klaus Leggewie nicht nur an die islamischen Einflüsse auf die europäische Geschichte und Kultur, sondern auch an den Tatbestand, daß in Europa längst neue islamische Zentren entstanden sind, denen das freie Recht auf ihre Religionsausübung zuzugestehen sei. H. H.

Das verunsicherte Europa. Hrsg. v. Hilmar Hoffmann u. Dieter Kramer. Frankfurt/M.: Hain, 1992. 192 S.,  DM 34,- / sFr 29,- / öS 265,20