So unterschiedlich Sichtweisen, Wünsche und Forderungen aller von der Thematik Betroffenen auch sind: Politiker, Ärzte, Versicherer und Patienten eint die Erkenntnis, dass das Gesundheitswesen dringend reformbedürftig ist. Einen mutigen Vorstoß in Richtung Radikalkur für das allseits marode System in der BRD - aber freilich nicht nur dort - leistet Arnold, Inhaber einer "Stiftungsprofessur Gesundheitsforschung" in Tübingen, mit diesem Band. Gravierende Steuerungsmängel bei der Güterverteilung, ein Anwachsen der Leistungskataloge und die Folgen der demographischen Entwicklung werden zunächst als Ursachen der fast permanenten Ausgabensteigerung angeführt.

Da gesetzliche Regulierungen und Kontrollen diesen Prozess nur kurzfristig dämpfen, auf Dauer aber eine undifferenzierte Minderung der Versorgungsqualität zur Folge haben, plädiert der Autor dafür, die ökonomischen Lasten zu teilen: An die Seite der solidarisch finanzierten Grundversorgung sollte eine risikoäquivalente Zusatzversicherung treten, die von den Patienten. selbst zu tragen und nach freier Selbsteinschätzung zu gestalten wäre. Es sei sozialethisch wie medizinisch gerechtfertigt. die von der Gemeinschaft geleistete Finanzierung "auf solche Leistungen zu beschränken, die bei statistischer Prüfung effektiv sind", meint Arnold, und nimmt in Anbetracht der drohenden Alternative eines kollektiven Zusammenbruchs der Versorgung auch eine "gewisse Ungleichheit" in Kauf, zumal nur "niedrige Risiken" durch die Zusatzversicherung abgedeckt werden sollten.

Die wohlbegründete Aussicht auf eine Struktur, die den Patienten partiell zum autonomen Partner des Arztes werden lässt und die u. a. die Entlastung der Spitäler durch differenzierte Betreuung in interdisziplinären Gruppenpraxen und berufsüberschreitende Medizinzentren bei gleichzeitiger Freiwerdung erheblicher Steuermittel für beschäftigungs- oder bildungspolitische Aufgaben verspricht, verdient, aufmerksam geprüft zu werden. Für Fachleute aus den Bereichen Sozialwesen und Gesundheitspolitik ist dieser Beitrag wohl unverzichtbar; er verbindet - auch im Einbekenntnis begrenzter Vorhersagbarkeit im Detail- wissenschaftliche Seriosität und AIlgemeinverständlichkeit in hohem Maß. Es wäre zu billig, ihn mit Verweis auf politische Barrieren oder dem Vorwurf, hier würde einer Gesundheitsvorsorge nur für Wohlhabende das Wort geredet, beiseite zu legen. Denn immerhin öffnet das hier präsentierte Gesundheitskonzept auch den Weg zu umfassender Solidarität: dem freiwilligen „Verzicht auf [exzessive] Gesundheits[vorsorge]“ (I. Illich) als Form praktizierter Selbsteinschränkung zugunsten etwa der Dritten Welt.

WSp.

Mit 35 hervorragend gestalteten Karten, ebenso vielen kompakt und doch präzise verfassten Hintergrundinformationen und tabellarisch gestalteten Länderübersichten zu Themen wie Bevölkerungswachstum, (alternative) medizinische Versorgung oder Drogenkonsum ist das nachfolgend genannte Werk insbesondere für Schulbibliotheken zu empfehlen: Mackay, Johanna: Der Weltgesundheitsatlas. Stuttgart: Dietz, 1993. 128 S. Gesundheitswesen: Deutschland Medizin

Arnold, Michael: Solidarität 2000. Die medizinische Versorgung und ihre Finanzierung nach der Jahrtausendwende.

Stuttgart: Enke, 1993.208 S. DM 49,50 / sFr 45,60 / öS 386