1993 wurde von einigen Regierungen gemeinsam mit internationalen Institutionen, die sich mit Bevölkerungsfragen beschäftigen, die "Independent Commission on Population and Qualitiy of Life" gegründet. Die von privaten Stiftungen unterstützte Arbeit der Kommission verfolgt das Ziel, die Stabilisierung des Bevölkerungswachstums (quantitative Dimension) mit dem Recht, jedem Menschen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen (qualitative Dimension), zu verbinden - oder wissenschaftlich formuliert: ”Bevölkerungsfragen in ihren sozioökonomischen Kontext zu stellen" (S.12).

Neu an dieser 20 Mitglieder zählenden Kommission war nicht nur ihre Zusammensetzung (Wissenschaftlerinnen mit überwiegend auch politischen Erfahrungen, ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Vertreterinnen aus Nord und Süd), sondern auch der methodische Ansatz. Neben einschlägigen Studien und Analysen wurden sogenannte "Anhörungen" von Betroffenen in allen Erdteilen zur Grundlage der Arbeit gemacht. Diese bestätigten, so die Vorsitzende Maria de Lourdes Pintasilgo aus Portugal, daß "vorgefertigte Rezepte" und "isolierte Maßnahmen" der Geburtenregelung scheitern, wenn nicht "die Komplexität der Lebensbedingungen der Menschen" (S. 17) erfaßt wird und spürbare Verbesserungen der Lebensqualität in Aussicht gestellt werden können.

Im vorliegenden Bericht werden die Krisenphänomene (Übervölkerung, Migrationsbewegungen, Verstädterung, Verarmung, Anwachsen der Arbeitssuchenden und Unterbeschäftigung, Ressourcenverbrauch) sowie die Rahmenbedingungen eines qualitativen, ökologische Nachhaltigkeit und Bevölkerungsstabilisierung integrierenden Wandels beschrieben. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik werden dabei nicht nach den herkömmlichen Wachstumsdaten, sondern nach ihrem Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität gemessen. Dem Recht auf nachholende Industrialisierung des Südens wird die Notwendigkeit nachhaltiger Konsumstile in den Ländern des Nordens gegenübergestellt. Großes Gewicht mißt die Kommission dem Aufbau funktionierender Sozialsystemen (u. a. Umschichtung von den Militär- zu den Sozialausgaben, Erstellung konkreter "sozialer Entwicklungspläne" S. 175) sowie der Dezentralisierung der Macht im Sinne aktiver Zivilgesellschaften bei. Als Focus dient dabei der Begriff der "Zuwendung'; der auf Familien, Gesellschaft, Staat und Politik bezogen wird und das Prinzip des hemmungslosen Wettbewerbs ablösen müsse. 

Als Schlüsselfaktoren zur Verringerung des Bevölkerungswachstums werden schließlich eine alternative Bildungspolitik und Gesundheitsvorsorge, die Stärkung der Frauen sowie das Recht auf freie Wahl der Empfängnisverhütung herausgestellt. Eine zielgenauere und das Mindestvolumen von 0,7 % des BSP erfüllende Entwicklungshilfe, die tatsächlich der Lageverbesserung der Ärmsten zugute kommt, sowie die Erschließung neuer Finanzquellen (empfohlen wird u. a. die Besteuerung der weltweiten Finanzgeschäfte sowie die Prüfung handelbarer Emissionsrechte) sollten die Priorität einer weltweiten Sozialpolitik unterstreichen. 

Die hier vorgestellten Ansätze menschlicher Entwicklung sind in der Bedeutung durchaus dem Brundtland-Bericht („Our Common Future“ 1987) an die Seite zu stellen.


H. H.

Visionen für eine bessere Lebensqualität. Independent Commission on Population and Quality of Life (Ed.). Basel (u.a.); Birkhäuser, 1998.421S., DM 39,80 /sFr34,-/öS 291,-