Die ersten Seiten des Buches ziehen einen leicht in den Bann. Gerne folgt man dem Autor bei seinen Betrachtungen. Der Sinn des Seins - das ohne die Verantwortung des einzelnen für sich und über sich hinaus wohl kein ganzes Sein ist - lässt sich nicht mit der alles penetrierenden Suche nach den letzten, kleinsten und noch unergründeten Teilen der Materie finden, wenn man das Unfassbare, weil dem körperlichen Denken der Naturwissenschaften nicht Greifbare, nicht begreifen will. "Grenzen der Fächer und Disziplinen drohen nicht nur zu Wahrnehmungs-, sondern auch zu Erkenntnisgrenzen zu werden", wird Jürgen Mittelstraß zitiert.

Spannend ist diese Analyse unserer Gesellschaft und ihres Glaubens an die Gegenwart und seine Herleitung aus den Irrtümern der Geschichte allemal zu lesen. Oft neigt man dazu, dem Autor in seiner Kritik an Tod und Teufel recht zu geben: am wahnwitzigen Wohlstand, der den Konsumenten alle Kreativität umnebelt, am Versagen der Kirche, die die rechte und wahre Botschaft der Liebe Jesu hinter dem eigenen Machtstreben und vor der wahren Frömmigkeit bis heute zu verbergen gewusst hat. Aber sonderbar. Wenn wir nach der durchaus feinnervigen Zustandsbeschreibung erwartungsvoll auf den Ausblick warten, ihn aber von Seite zu Seite bis zum Schluss so richtig nirgendwo finden, fragt man irritiert, wohin uns der Autor entführen wollte. Bloß in den Garten der eigenen Kreativität. Auf dass wir zu Ende spinnen, was er uns auf den Spinnrocken gelegt hat?

Trotzdem. Das Buch lohnt gelesen zu werden. Es könnte nichtsdestotrotz aber auch ein überzeugenderes Plädoyer für die Werte sein, die der Autor beschwört: statt der Aggressivität des Mannestums das Bestreben nach Zuwendung, statt der Unterwerfung unter den stumpfen Konsumwahn mehr Kreativität bei der eigenen Lebensgestaltung und statt der hohl klingenden Forderung nach Durchsetzung der Menschenrechte den Durchbruch echter Menschlichkeit

WH

Bilger, Harald R.: Die Menschheit im Umbruch. Zur Notwendigkeit neuer Lebensgestaltungen. Stuttgart: Hirzel (u. e.). 1993. 744 S. (Edition Universitas, DM 28,90/sFr 24,50/öS 226