Wer glaubt, das Thema Bevölkerungsentwicklung sei nach der Weltkonferenz im September 1994 vorerst einmal vom Tisch, und man könne nach den Schreckensvisionen wieder zur Tagesordnung übergehen, der irrt. Die Frage, wieviel Menschen die Erde noch erträgt, die der Journalist Reiner Klingholz vor Ort (Bangladesch) erkundete, bleibt aktuell. Nach der Informationslawine fragt man sich allerdings zu Recht (auch Michael Sontheimer in "Die Zeit"), was ist wirklich neu und berichtenswert an diesem Versuch über die Bevölkerungsexplosion. Sind es die wohlgemeinten Vorschläge zur Selbstbeschränkung im Norden oder die von Sontheimer gewürdigte Betrachtung globaler ökologischer Probleme und ihre komplexen Interdependenzen.

Zweifellos ist es Klingholz gelungen, in nüchternen Analysen sowie spannenden Reportagen eines der wichtigsten Menschheitsprobleme in all seiner Widersprüchlichkeit darzulegen und nicht mit plakativen sprachlichen Bildern weiter Ängste zu schüren. Er veranschaulicht die Problematik auch mit interessanten Schaubildern, z. B. einer Weltkarte, auf der Länder nach ihrer Wirtschaftskraft gewichtet sind. Afrika wird dabei kleiner als Großbritannien, riesig dagegen Nordamerika, Japan und Europa. Eine Karte nach der Bevölkerungszahl zeigt dagegen aufgeblähte Länder wie Indien, China, Nigeria, Pakistan und Bangladesch.  Der Journalist fordert eine globale Verantwortung und eine zweite "Grüne Revolution", denn die Nahrungsproduktion wächst inzwischen langsamer als die Bevölkerungszahl.

Bis 2050 müßte die Welternte verdoppelt werden, um die Menschheit noch ernähren zu können. Viel ließe sich auch erreichen, wenn wir den Verzehr von Nutztieren auf jene beschränken würden, die nicht im Mastbetrieb groß werden. Für ein Kilo Fleisch im Mastbetrieb braucht man neun Kilo Getreide, direkt verzehrt würde das Getreide 16 Menschen ernähren. Insgesamt müsse der reiche Norden seinen Lebensstil radikal ändern und der arme Süden zugleich seine Kinderzahl massiv beschränken. Auch positive Beispiele, genannt wird z. B. die Selbsthilfeorganisation "Septagramm" von Frauen für Frauen in Indien, leisten einen Beitrag und wären es wert als "Projekte der Hoffnung" in die Schlagzeilen zu kommen. 

A.A.

Klingholz, Reiner Wahnsinn Wachstum. Wie viel Mensch erträgt die Erde? Hamburg: Geo, 1994. 271S., DM 36,-/sFr 36,-/ÖS 281,-