Warum sind  bestimmte Gesellschaften gesünder als andere, was unterscheidet gesunde von weniger gesunden? Es ist nicht die Höhe des Bruttosozialprodukts und es ist auch nicht (allein) die Höhe der Ausgaben für Gesundheit und medizinische Versorgung, so das (nicht) überraschende Ergebnis von Richard Wilkinson. Vielmehr ist es die Verteilung der Einkommen und der Grad an sozialem Zusammenhalt einer Gesellschaft. Unter den modernen Industriegesellschaften sind somit nicht die reichsten Gesellschaften die gesündesten, sondern diejenigen mit den geringsten Einkommensunterschieden zwischen Arm und Reich („Relatives Einkommen“). Diese Befunde belegt der Sozialepidemiologe der Universität Brighton mit zahlreichen Datenreihen aus den USA, Großbritannien sowie West- und Osteuropa (zu ausgewählten OECD-Staaten s. Abb. S. 93).

Die Erklärung des Forschers für seine Ergebnisse: Eine ausgewogenere Einkommensverteilung vermittelt den Menschen das Gefühl, in einer gerechten Gesellschaft zu leben, die über vergleichsweise starke soziale Bindekräfte verfügt und mit einem hohen Maß an Gemeinschaftssinn ausgestattet ist. Geringe Einkommensunterschiede und ein großer sozialer Zusammenhalt hätten wiederum einen positiven Einfluss auf die kulturelle, soziale und wirtschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft, auf ihre Kreativität und Produktivität und damit auch auf ihre Gesundheit.

Die Studie aus dem Jahr 1996, die auf Inititiative des Sozialmediziners Richard Horst Noack der Universität Graz nun ins Deutsche übertragen wurde, wird auch durch andere Untersuchungen belegt. Wenn nur etwa ein Viertel bis ein Drittel des geschätzten Lebenszeitgewinns der medizinischen Versorgung, zwei Drittel bis drei Viertel aber der Sozialhygiene und Selbstsorge („kurative Leistungen“) zugeschrieben werden (Ergebnisse einer nordamerikanischen Studie aus dem Jahr 1994), dann muss das – ist Noack überzeugt   Auswirkungen auf die Gesundheitspolitik haben, die nach wie vor darauf ausgerichtet ist, mit immer teureren Apparaturen und Medikamenten eine „Reparatur körperlicher Schädigungen“ zu betreiben, ohne die Ursachen unserer modernen Ziviliastionskrankheiten in den Blick zu nehmen. H.H.

Wilkinson, Richard G.: Kranke Gesellschaften. Soziales Gleichgewicht und Gesundheit. Wien (u. a.): Springer, 2001. 312 S., DM 69,/90 / öS 489,- / sFr 62,-