
Die Welt steht kurz vor der Erwärmung um 1,5 Grad, doch schon vor Erreichen dieser Marke sehen wir Extremwetterereignisse in noch nie dagewesenem Ausmaß. Dennoch basieren viele Szenarien für die Reduktion von Treibhausgasemissionen auf der Idee eines sogenannten „Overshoots“ – der geplanten Überschreitung festgelegter Klimaziele, um die Erde dann zu einem späteren Zeitpunkt mithilfe teils noch gar nicht existierender Technologien abzukühlen. Wie es dazu kommen konnte, analysieren Andreas Malm und Wim Carton im ersten Band ihres neuen Buchprojekts.
Die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze würde eine sofortige, drastische Reduktion von Treibhausgasemissionen erfordern. Das hieße, dass ab sofort keine neuen Öl- und Gasfelder zur Erschließung genehmigt werden dürften, ebenso wenig wie neue Kohlebergwerke oder -kraftwerke. Denn diese Infrastrukturen sind üblicherweise auf den Betrieb von mehreren Jahrzehnten ausgelegt. Die Realität ist davon weit entfernt: derzeit sind Hunderte neue Pipelines und Kohlebergwerke im Entstehen.
Die Autoren erklären diese Tatsache durch die hohen Profite im fossilen Energiesektor. Während die Gewinnmargen bei erneuerbaren Energien üblicherweise im einstelligen Bereich liegen, berichten große fossile Energiekonzerne von Renditen von satten 20-40 Prozent. Der Grund dafür liegt darin, dass ein Barrel Öl als Ware verkauft werden kann, während sich Wind und Sonne kein Preisschild umhängen lassen.
Das erklärt auch, weshalb es zu keiner wirklichen Energiewende kommt. Zwar geht der Ausbau erneuerbarer Energieträger ungebremst voran, und Energie aus Sonne und Wind sind so günstig wie noch nie. Doch gleichzeitig geht die Nutzung fossiler Energieträger nicht zurück: Seit Jahrzehnten liegt deren Anteil bei etwa 80 Prozent des globalen Gesamtenergieverbrauchs.
Vor diesem Hintergrund ist auch das Interesse der fossilen Industrie zu verstehen, anstatt sofortiger Emissionsvermeidung auf Overshoot zu setzen. Denn werden Emissionen erst zukünftig anhand der Abscheidung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre oder Geoengineering reduziert, können weiterhin satte Profite realisiert werden. Das führt zu dem Paradox, das vor allem auf Kosten von Menschen im Globalen Süden geht: Anstatt Emissionen durch einen Wechsel von fossilen zu erneuerbaren Energien sofort zu senken, wird auf Technologien gesetzt, die teilweise weder erprobt noch existent sind.








