Jean Ziegler

Trotz alledem

Ausgabe: 2026 | 1
Trotz alledem

Im Zweiten Weltkrieg sind 18 Millionen Soldaten im Kampf und zwischen 50 und 55 Millionen Zivilisten zu Tode gekommen. Die Zahl der Todesfälle aufgrund fehlender Nahrung oder Gesundheitsversorgung ist laut Vereinten Nationen im Jahr 2023 auf mehr als 61 Millionen gestiegen. Mit diesen Fakten beginnt Jean Ziegler, von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, danach Vizepräident des Beratenden Ausschusses des US-Menschenrechtsrates, sein jüngstes Buch „Trotz alledem“. Ziegler pointiert: „Hunger, Durst, Epidemien und durch Not und Elend ausgelöste Konflikte vernichten jedes Jahr fast ebenso viele Menschenleben wie der Zweite Weltkrieg in sechs Jahren“ (S. 10). Es sei nicht mehr der Mangel an Gütern, die produziert werden, sondern deren mangelhafte Verteilung, die für diesen Skandal verantwortlich zeichnet, so erinnert uns Ziegler einmal mehr: „Auf einem Planeten, der an Reichtum überquillt, ist der Hunger für die Menschheit noch heute bei Weitem die häufigste Ursache für Tod und Vernichtung“ (S 13).

Über Konflikte, Kriege und eine Zunahme der Ungleichheit

Neben dem Skandal des Hungers widmet sich Ziegler weiteren virulenten Themen, dem „Untergang der Vereinten Nationen“ (mit scharfer Kritik auch an Putins Krieg gegen die Ukraine sowie an Netanjahus Krieg gegen die Bevölkerung im Gaza), der „Beseitigung des Asylrechts“, der „Entfremdung“ (gemeint als Entdemokratisierung durch die Deutungsmacht der Konzerne sowie den Aufstieg der Neuen Rechten), schließlich der „Verweigerung der sozialen Gerechtigkeit“ sowie der weiteren Zunahme der Ungleichheit.

Ziegler erinnert an das Wesen des Menschseins, das auf Empathie ausgerichtet ist

Das Schlusskapitel bezieht sich auf den Untertitel des Buches „Warum ich die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufgebe“. Der nach wie vor streitbare Soziologe bezieht sich dabei immer wieder auf die Aufklärung und die Ideale der französischen Revolution. „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir“ – mit diesem Kant-Zitat erinnert Ziegler an das Wesen des Menschseins, das auf Empathie ausgerichtet sei. Seine Hoffnung gilt den sozialen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen, die den uns von diesem Menschsein entfremdenden Kapitalismus überwinden würden. Das mag analytisch naiv erscheinen, schmälert aber nicht den Wert dieses Buches und schon gar nicht das unermüdliche Engagement des mittlerweile 91-jährigen Kämpfers gegen Unrecht und Unmenschlichkeit.