Der italienische Philosoph Giorgio Agamben macht sich Gedanken über den „Geschmack“. Er verfolgt die Diskussion über seinen Gegenstand von Aristoteles bis zu den strukturalistischen Ideen des 20. Jahrhunderts.  Man kann den Himmel ansehen und ihn schön finden. Und man kann versuchen ihn zu  verstehen, indem man die Sternenbahnen berechnet, die Geschichte des Universums erforscht. Das sind zwei Arten des Wissens. Ob man den Himmel schön findet, hat etwas mit Geschmack zu tun. Anhand des Geschmacks würde eine Spaltung des Gegenstands der Erkenntnis in Wahrheit und Schönheit zu Tage treten, so Agamben. Die Schönheit kann nicht erkannt, die Wahrheit nicht gesehen werden.

In der Philosophiegeschichte hat man sich immer wieder Gedanken darüber gemacht, was Geschmack genau sei. Leibniz definierte ihn so: „Der vom Verstand unterschiedene Geschmack besteht in den verworrenen Wahrnehmungen, von denen man nicht angemessen Rechenschaft geben kann. Er ist etwas dem Instinkt vergleichbares.“ (S. 28) Bei Montesquieu, schreibt Agamben, gehe es beim Geschmack um „die schnelle und vortreffliche Anwendung von Regeln, die man gar nicht kennt“ (S. 10). Aber Vorsicht: Geschmack ist auch keine Sinneswahrnehmung. Geschmack sei eher ein überzähliger Sinn, der die Wahrnehmung von Gehörtem, Gesehenem, Gefühltem, Gerochenem oder sinnlich Geschmecktem organisiert. Bei Campanella findet Agamben den Hinweis auf die Bestimmung des Geschmacks als die Idee einer anderen, weder der Empfindung noch der Wissenschaft entsprechenden Erkenntnisform, die Lust und Wissen in sich vereine. (vgl. S.26f.) Man könnte beim Geschmack als von einer „Lust, die erkennt“ oder von einem „Wissen, das nicht weiß, sondern genießt“ sprechen (S. 24). Es sei die Aufgabe der modernen Ästhetik, die Eigentümlichkeit dieses „anderen Wissens“ herauszuarbeiten und seine Autonomie gegenüber der intellektuellen Erkenntnis zu begründen.

Agamben sortiert diese Gedanken über den Geschmack mit Hilfe des Vokabulars von Claude Lévi-Strauss. Nur kurz: Geschmack wird erörtert als Verweis auf ein Wissen, von dem man keine Rechenschaft geben kann, weil es auf einem „reinen Signifikanten“ (das ist ein sprachliches Zeichen ohne ein bezeichnetes Gegenüber, ein „Signifikat“) beruhe.