Die Agenda 2030 als Magisches Vieleck der Nachhaltigkeit

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„Globale Herausforderungen können nicht auf der lokalen oder gar individuellen Ebene gelöst werden“ (S XI), so die Herausgeberinnen Estelle Herlyn und Magdaléne Lévy-Tödter eines Bandes, der systemische Perspektiven im Kontext der Sustainable Development Goals alias „Agenda 2030“ anbietet. Die Idee zu dem Sammelband entstand am KompetenzCentrum für nachhaltige Entwicklung der FOM Hochschule für Oekonomie und Management in Hamburg und Duisburg. Theoretischen Einführungen folgen Ausführungen zu einzelnen Handlungsfeldern wie den Emissionshandelssystemen, den Chancen freiwilliger Klimaneutralität, einer nachhaltigen Agrarwirtschaft oder eines nachhaltigen Tourismus. Zielkonflikte im Kontext nachhaltigen Konsums werden ebenso angesprochen wie Unternehmensinitiativen für Nachhaltigkeit. Im Folgenden soll auf den Titelbeitrag von Franz Josef Radermacher näher eingegangen werden.

Wideraufforstungsprogramme und Großsolarkräfte

Franz Josef Radermacher setzt ebenfalls auf große Wiederaufforstungsprogramme sowie auf Großsolarkräfte in den Ländern des Südens. Er schlägt europäische Projekte im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika vor. Auf diese Weise soll Bioethanol produziert und nach Europa geleitet werden, um unsere Autos mit Verbrennungsmotor zu versorgen.

Der globale Energieverbrauch werde weiter steigen, allein weil ärmere Länder sich wirtschaftlich stark entwickeln werden. Dies mache die Ziele der Dekarbonisierung obsolet und stelle wirksamen Klimaschutz vor hohe Herausforderungen, so Radermacher. Das 1,5 Grad-Ziel des Pariser Abkommens sei sinnvoll, der Vertrag jedoch unverbindlich und „schwach“. Zudem würden die Zusagen der Staaten keineswegs reichen. Die Emissionen bei Erfüllung aller Paris-Versprechen müssten bis 2050 mindestens noch einmal halbiert werden, laut Prognosen werden diese aber weiter steigen. Radermacher, der als Vorstand des Forschungsinstituts für angewandte Wissensverarbeitung in Ulm, einschlägige Projekte begleitet, fordert zwei Strategien. Der Umstieg auf Erneuerbare Energieträger dürfe sich nicht auf Elektrizität beschränken, sondern viel stärker auf synthetische Kraftstoffe setzen. Methanol könne zu einem CO2-neutralen Kraftstoff werden und wirtschaftlich erzeugt werden, wenn für die Herstellung günstiger Solarstrom etwa aus der Sahara verwendet wird. Das würde auch Entwicklung fördern. Elektroantriebe seien keineswegs klimaneutral, wenn die Produktion der Batterien berücksichtigt wird und der Strom ohnehin nicht grün ist. Zudem gäbe es in Europa nicht genügend Flächen, um den Strom klimaneutral herzustellen.

Holz als wertvoller Baustoff der Zukunft

Zweitens müsse viel mehr CO2 gebunden werden: durch großflächige Wiederaufforstungen, Bodenkultivierung sowie Renaturierung von Feuchtgebieten, Mooren und Mangrovenwälder – allesamt CO2-Speicher. Radermacher spricht von „natur based solutions“. Es gäbe allein in den tropischen Gebieten Afrikas eine Milliarde Hektar degradierter Böden. Deren Aufforstung mit Nutzwäldern würde wirtschaftliche Wertschöpfung sowie einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz bringen, so der Experte. Holz müsse zu einem wertvollen Baustoff der Zukunft werden. Klimaschutz würde verbunden mit sinnvoller Entwicklungszusammenarbeit. Das Geld hierfür soll durch freiwillige CO2-Kompensationszahlungen der „high emitters“ – reicher Menschen, Unternehmen oder Städte – erfolgen. In der vom deutschen Ministerium für Entwicklung geschaffenen „Allianz für Klima und Entwicklung“, die Radermacher mit konzipiert hat, werden solche Kompensationsprojekte argumentativ unterstützt.

Franz Josef Radermacher macht deutlich, dass nationalstaatliche Anstrengungen für den Klimaschutz nie reichen werden. Investitionen in den ökologischen Strukturwandel im eigenen Land seien immer zu ergänzen durch internationale Projekte. So lasse sich Klimaschutz und Entwicklung im Sinne der Sustainable Development Goals miteinander verbinden. Radermachers realistischer Blick auf die Energieprognosen für die nächsten Jahrzehnte tut not, sein Ansatz der biologischen Sequestrierung ist aber umstritten, sofern dieser als Ersatz für einschlägige Maßnahmen in den Ländern des Nordens betrachtet wird.