Wissenschaft und Technik können Sicherheit längst nicht mehr garantieren.Im Gegenteil: Die verdrängten Risiken der Modernisierungsprozesse von gestern machen die Zukunft wieder ungewiß und unsicher. "Der Kern der Verunsicherung liegt darin, daß wissenschaftlicher und technischer Fortschritt nicht mehr als zwangsläufig identischmit sozialem Fortschritt angesehen werden." Helga Nowotny und Adalbert Evers behandeln in ihrem Buch "Über den Umgang mit Unsicherheit" dieses Unsicherheitsprofil der heutigen noch-industrialisierten und komplexen Gesellschaften. Die Fortschrittsgleichung, wonach sozialer Fortschritt im Sinne eines materiellen Wohlstandes identisch sei mitständigen Neuerungen in Wissenschaft und Technik, ist nach Ansicht beider nicht mehr haltbar. Verwiesen wird auf eine historische Parallele im 19. Jahrhundert, wo diese Übereinstimmung noch gegeben war. Am Übergang von ländlicher zu industrieller Struktur wurden erste Erfahrungen mit der Gestaltbarkeit von Technik und Gesellschaft gemacht, die Bewältigung der Krise erfolgte mit institutionellen Lösungen. Während damals jedoch der öffentliche Diskurs über Armut im Mittelpunkt stand, rückten im 20. Jahrhundert Fragen über Sinn und Zweck einzelner Technikentwicklungen ins Zentrum des Interesses. Der Beitrag der Sozialwissenschaften zur Analyse von Risiken liegt für Nowotny darin, aufzuzeigen, "daß jede noch so fundierte mathematische Formulierung, also der Versuch der Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit, abhängig ist von einem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld". Es zeigt, daß Experten von einem Risikobegriff (Mathematisierung der Eintrittswahrscheinlichkeit) ausgehen, der von Laien nicht immer geteilt wird, zum anderen spielt das Element der Freiwilligkeit eine zentrale Rolle. Demnach hinkt der Vergleich zwischen Autofahrer und Anrainer eines Atomkraftwerkes. Berechnete Schadensgrößen reflektieren auch nicht die Bedeutung der Unfallfolgen für den einzelnen und für eine ganze Region. Für Nowotny spielt auch die Unterscheidung von "Gefahr" und "Risiko. Für Nowotny spielt auch die Unterscheidung von „Gefahr“ und „Risiko“ eine Rolle. Es wird uns nur durch „soziale Kompetenz“ sowie „Kontrolle und Teilnahme“ gelingen, das ungeheure Gefährundgspotential in Risiken zu verwandeln. Dafür müsse die Sozialwissenschaft das „Orientierungswissen“ liefern, "die Entwicklungen diskursfähig machen, und auf diese Weise, Sicherheit im Sinne von mehr Souveränität und Demokratie'" zurückgewinnen.

Sietmann, Richard: Die Ohnmacht des einzelnen in der Gesellschaft. Ein Gespräch mit der Wiener Soziologin und Risikoforscherin Helga Nowotny. In: VDI Nachrichten. 1989, Nr.8 v. 24. 2., S. 15