Woran es liegen mag, daß "manche Menschen ‚mehr', andere ,weniger' und viele gar ,keine' Zeit haben" , war für die Autorin Anlaß, sich dem Phänomen "Zeit" und unseres Umgangs mit ihr zu befassen. Das "sonderbare Ding" über das Hofmannsthal seine Marschallin im ”Rosenkavalier" grübeln läßt, erweist sich in unserer Epoche zudem als höchst kompliziert, denn "je komplexer eine Gesellschaft, desto vielschichtiger (sind) die Zeitabläufe. die sich überlagern, miteinander und nebeneinander in zeitliche Verbindungen eintreten Kennzeichen der telekommunizierenden High-Tech-Gesellschaft ist die "Illusion der Gleichzeitigkeit", in der Zeit nicht mehr nur ein knappes Gut ist, sondern "selbst dynamisiert" wird. Diesem Prozeß ausgesetzt zu sein bedeutet, "des Rechts auf eine Entwicklungsgeschwindigkeit verlustig zu gehen Unter dem Druck technisch-rationaler Notwendigkeit wir der Langsame stets - Außenseiter, haben Arbeitslose das Gefühl, "in einer anderen Zeit zu leben Ein weiteres Symptom unseres Umgangs mit der Zeit ist, daß die "Zukunft bedrohlich nahe an die Gegenwart heranrückt". Durch die vorhersehbaren. oft unangenehmen Folgen unseres Tuns wächst zudem der Druck, der auf der Gegenwart lastet: "Wenn Lösungen gefunden werden sollen, die noch dazu umzusetzen sind, dann möglichst bald. Jetzt. Diese Beschleunigung der Zeit, deren sichtbarster Ausdruck ein geradezu bedrohlicher Innovationsschub ist, verlangt nach regulierendem Zeitmanagement, das Zyklen von Wachstum und Verfall nicht nur erkennen, sondern auch steuern soll. Daß Wissenschaft nicht nur mit Zeit zu tun hat, sondern sich im Labor gleichsam eine Zeit schafft, in der u. a. auch "die Natur nachgebaut" wird, ist ein weiterer zentraler Punkt der Analyse. Im Verhältnis von Arbeit und (Frei)Zeit wird deutlich, wie sehr Zeit "eine zentrale Dimension von Macht" besitzt. Während der Staat durch die Festlegung von Arbeits- und Öffnungszeiten, Fest- und Feiertagen "die Knappheit der Zeit verwaltet wächst der Anspruch des Individuums auf Zeitsouveränität und Konsumzeit. Daher gilt es "Optionen herauszuarbeiten, die zwischen Lebenszeitpolitik und Arbeitsstundenzeitpolitik vermitteln". Eine mögliche Antwort auf dieses dichte Geflecht von Zeitbezügen, in denen der einzelne unterzugehen droht, ist die bewußte Planung der Eigenzeit. Sie zu entfalten bedeutet auch, "Zeit für das Spiel mit dem Augenblick zu haben, in die Zwischenzeit der Übergänge tauchen zu können" und zu erkennen, wie diese Zeit beschaffen ist und wie sie geschaffen werden kann.  Eine brillante Analyse, die Befindlichkeiten unserer Zeit umfassend dokumentiert. Die historischen Exkurse zur Entstehung des aktuellen Zeitempfindens sind dabei ebenso wertvoll wie die Aufforderung zu Kritik und Eigenständigkeit, denn nur auf dieser Grundlage ist der totalen Ökonomie der Zeit zu entkommen.

Nowotny, Helga: Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitgefühls. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1989. 173 S.