Ludwig Heuwinkel

Die Ökonomisierung der Zeit

Ausgabe: 2023 | 4
Die Ökonomisierung der Zeit

Es gibt eine Fülle an Ratgeberliteratur für ein besseres Zeitmanagement. Dies darf man von Ludwig Heuwinkels „Die Ökonomisierung der Zeit“ nicht erwarten. Der Soziologe setzt sich kritisch mit der permanenten Beschleunigung aller Lebensbereiche sowie der Vermarktlichung auch von Sektoren wie dem Bildungs- oder Gesundheitswesen, der Kultur oder dem Sport auseinander. Heuwinkel geht seine Analyse umfassend an. Im ersten Teil „Die Ökonomisierung der Gesellschaft“ legt er – ausgehend von Karl Polanyis „Entbettungstheorie“ – die Diskursstränge über die Rolle der Märkte, das Verhältnis von Egoismus und Altruismus sowie jenes von Staat und Markt seit Adam Smiths „Wohlstand der Nationen“ dar. Die Breite der Ansätze reicht dabei von der Theorie der „Zivilisierung durch Märkte“ bis zur Kritik an der Ökonomisierung aller Lebensbereiche etwa durch den US-Philosophen Michael Sandel.

Im zweiten Abschnitt geht es um die „Ökonomisierung der Zeit“. Einem Aufriss über philosophische, physikalische und soziologische Auffassungen von Zeit folgen Ausführungen über die Auswirkungen der technologischen Beschleunigung auf die Arbeitsmärkte sowie auf nicht-ökonomische Bereiche. Heuwinkel referiert eine Vielzahl an Studien, beispielsweise über Zeit- und Leistungsdruck, das Auseinanderdriften der Arbeitsmärkte durch die Digitalisierung, die Verknappung der Zeit durch die gestiegenen Konsumofferte, die Ökonomisierungstrends im Gesundheits- und Bildungswesen.

Im Ausblick plädiert der Autor mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, Ulrich Mückenberger, für fünf Kerndimensionen von Zeitwohlstand: Selbstbestimmung des Zeitgebrauchs, gleiche zeitliche Verwirklichungschancen, Anerkennung von sozialen Zeiten, Möglichkeiten der zeitlichen Sinngebung und Zeitkultur sowie Spielräume für gemeinsame Zeiten (vgl. S. 319). Mit dem Neurowissenschaftler Joachim Bauer plädiert er für die Überwindung von „Muße-Hindernissen“: Armut, mangelnder Zugang zu Bildung, hoher Arbeits- und Zeitdruck als Folge überhöhter gesellschaftlicher Leistungsansprüche, permanente Konsumangebote sowie ständige Konfrontation mit medialen Reizen.

Ein aufschlussreicher Band, der die Thematisierung von Zeit in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften referiert und darauf hofft, dass das Motto „Zeit ist Geld“ in Zukunft ersetzt wird durch „Zeit ist Leben“ (S. 337).