„Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum könne in alle Ewigkeit fortschreiten, ist entweder ein Irrer oder ein Ökonom.“ – Mit diesem Ausspruch des Wirtschaftstheoretikers Kenneth Boulding macht Klaus Woltron, der selbst lange Zeit in großen Unternehmen in führenden Positionen tätig war und seit gut einem Jahrzehnt als kritischer Warner vor den Sackgassen des allein von Profit getriebenen Finanzkapitalismus unterwegs ist, deutlich, dass die gegenwärtige Finanzkrise mehr ist als ein kleiner Umfaller. In der Möglichkeit der Banken, Geld aus dem Nichts zu schöpfen (vergebene Kredite müssen nur 9:1 bei der Zentralbank verbürgt sein) sowie im vermeintlichen, auch ökologisch destruktiven Wachstumszwang macht der Autor systemische Ursachen für die Fehlentwicklungen aus: „Ein Blutkreislauf, der zu seiner Erhaltung nach exponentiellem Wachstum des ganzen Organismus verlangt, wird einen Riesen heranzüchten, der alles und jedes in seiner Umgebung zertrampelt und seinem eigenen Riesenwuchs letztendlich zum Opfer fallen wird.“ (S. 19) In der „Hybris der Großkonzerne“, dem Verlangen nach immer mehr (der Autor erinnert dabei an seine von Schlichtheit geprägte Nachkriegskindheit), der rücksichtslosen Ausbeutung von Menschen und Natur sieht Woltron – wie viele andere auch – Grundübel des gegenwärtigen Wirtschaftens. Dabei setze die Politik die falschen bzw. keine Grenzen, wie etwa das Fehlen eines wirklichen Verursacherprinzips zeige: „Manager von Kapitalgesellschaften sind rechtlich gehalten, sich allein den Shareholdern verantwortlich zu fühlen und können das auch noch im Bewusstsein der Haftungsbeschränkung ausagieren.“ (S. 86) Unter diesen Bedingungen sei es in der Struktur der Unternehmen angelegt, dass sie „den Vorteil des Unternehmens – und den eigenen – zu Lasten der Allgemeinheit verfolgen“, Unternehmen seien daher „perfekte Externalisierungsmaschinen“ (ebd.). Zu bedenken sei zudem, dass es in Zukunft nicht nur um Geld gehen werde, sondern auch „um die Möglichkeit und Macht, sich vom Ressourcen- und Verdreckungsrecht-Kuchen ein möglichst großes Stück zu sichern“ (S. 172), so Woltron.

 

Wo gibt es Auswege? Woltron plädiert für Begrenzungen des Finanzkapitalismus etwa durch eine Spekulationssteuer und die Regulierung von Hochrisikofonds, er plädiert für die Einführung globaler Ressourcenzertifikate zur Steuerung des Ressourcenverbrauchs, er fordert aber darüber hinaus eine erneute „Dezentralisation des Wirtschaftens“ und schlägt konkrete Maßnahmen hierfür vor: Verbindliche Verankerung des Föderalismus- und Subsidiaritätsprinzips in allen Verfassungen; wirksame internationale Kontrolle der Wettbewerbsregeln, Syndikats-Gesetzgebung sowie Sanktionen bei Verstößen; generell Förderung lokaler Wirtschaftskreisläufe etwa durch steuerliche Begünstigung von kleineren und mittleren Unternehmen („soweit sie nachhaltig wirtschaften“) sowie die Einrichtung regionaler Investment-Systeme und eine international einheitliche Konzernbesteuerung (S. 157f). Freigeldsysteme sowie eine globale Ressourcenzuteilung (nach Plan) hält Woltron für unrealistisch, eine „Verstaatlichung des Bankenwesens und die kontinuierliche Rückführung der lukrierten Zinsen an die Bürger“ (S. 193) bei einer weiteren Verschärfung der Krisen jedoch für machbar.

 

Der „Kultur des Einander-Anschreiens“ zwischen den Fundamentalisten des Neoliberalismus und seiner Gegner müssten „ehrlich und mühsam erarbeitete Lösungsvorschläge (Glasnost) und die daraus abgeleiteten Aktionspläne (Perestroika) folgen“ (S. 196). Woltron sieht die Chance, dass „eine Reihe von Staaten infolge einer zunehmend stärker fühlbar werdenden Kette von kleineren und mittleren Krisen auf ökologischem, ökonomischem und sozialem Gebiet“ in seinem Buch beschriebene „korrigierende Schritte“ einleiten wird (S. 198). Seine Hoffnung richtet er dabei offensichtlich auf Europa (das Buch ist vor Obama geschrieben!) und strategisch auf die Kraft von Bildung. Im Kern hätten, so der Autor, „die Aufklärung einer möglichst großen Zahl von Menschen, die Stärkung und die Stabilisierung ihres persönlichen Verantwortungsgefühls für einen einmal verstandenen Zusammenhang die größte Chance, das Geschehen einigermaßen in eine positive Richtung zu lenken.“ (S. 199) Das Buch schließt daher folgerichtig mit Verhaltensappellen, so genannten „Zehn Geboten zur Zähmung des Kapitalismus“, die insbesondere an „Einzelpersonen mit Einfluss in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft“ gerichtet sind (s. Kasten). Den Optimismus bezieht der Autor dabei von Lao Tse, demgemäß auch die längste Reise ja bekanntlich mit dem ersten Schritt beginnt! Als historische Beispiele für erfolgreiche Durchbrüche gelten ihm dabei etwa Religionsstifter (Jesus, Mohammed, Buddha, Kung-Fu Tse), Pioniere der Wissenschaft (Galilei, Newton, Einstein), die soziale und dann später die ökologische und die Genderrevolution, „Befreiungspioniere“ wie Nelson Mandela oder M. Gorbatschow, weltweite Hilfsorganisationen und NGOs – und nicht zuletzt die Entwicklung von Demokratie und Sozialsystemen. Die Zukunft könne aber genau so gut ins Destruktive kippen, wenn der „weltweite Nervositäts- und Adrenalinspiegel“ (S. 191) aufgrund der Zunahme der existenziellen Probleme zunehme, so der Unternehmensberater. H. H.

 

 Woltron, Klaus: Die Perestroika des Kapitalismus. Ein Aufruf zum Systemwechsel. St. Pölten u. a.: Residenz, 2009. 206 S. € 17,90 [D],

 

18,40 [A] sFr 32,-; ISBN 978-3-7017-3131-2