Der Pädagoge Rupert Vierlinger legt mit "Die offene Schule und ihre Feinde" nicht nur die Defizite der Regelschule offen; er macht auch Vorschläge für eine "neue" Schule. Die Schule dürfe sich keinesfalls den gesellschaftlichen Veränderungen und Entwicklungsprozessen entziehen, sondern müsse sich der Unruhe des Lebens sowie den vielfältigen Fragen und Anforderungen stellen, Des Autors Analyse umfasst unter anderem die schulische Möglichkeit der Bildung sowie Herausforderungen durch Elektronik, Migration, Ökologie und eine veränderten Berufswelt, die permanentes Lernen erfordert Notwendig scheint ihm besonders die Verbesserung des Schulklimas und des pädagogischen Prozesses. Schule scheitert heute oft am wichtigsten Fundament aller Bildung: der Vermittlung von Bereitschaft zum Weiterlernen.

Drei Faktorenbündel arbeitet Vierlinger heraus, die die Verwirklichung ganzheitliche Bildung durch das System Schule verzögern, behindern und oft auch unmöglich machen: die Schülersortierung nach Leistungskriterien, die Beurteilung der Schulleistungen mit der Ziffernnote und das Diktat der Verwaltungsorganisation über die Lehrorganisation. Der Autor plädiert für Veränderungen in der zweiten Hälfte der Pflichtschulzeit durch eine heterogene Schülerzusammensetzung, empfiehlt die Abkehr vom traditionellen Zensurenwesen und Hinwendung zu einer sach- und kindorientierten Beurteilung (direkte Leistungsvorlage) und wünscht sich entgegen den unpädagogischen Nebenwirkungen der Planungsrituale (Lehrpläne) mehr Selbständigkeit, Kreativität und Eigenverantwortlichkeit für die Lehrerinnen sowie eine „Nachrüstung" in der universitären Lehrerbildung und -fortbildung.

Gerade in Zeiten des Umbruchs hält Vierlinger das Nachdenken über das Lernen im Sinne einer gesamtmenschlichen Entfaltung der Kinder und Jugendlichen für besonders wichtig, gleichwohl das Lernen für die allermeisten eine Anstrengung bedeutet. "Aber diese Mühe soll in der freundlichen und hingebungsvollen Weise vollbracht werden können, wie sie das vor- und außerschulische Lernen weithin kennzeichnet." A.A.

Vierlinger, Rupert: Die offene Schule und ihre Feinde. Wien: Jugend & Volk, 1993. 186 S. (Beiträge zur Schulentwicklung) DM 42,- / sFr 35,- / ÖS 298