Großkrankenhäuser haben als Zentren der Wohlstandsbürger-Existenz die Kathedralen und Dome funktionell abgelöst. Sie sind zugleich Symbole eines Gesundheitswesens, das Korruption züchtet und Vernunft wie Sparsamkeit systematisch bestraft. Das Paradoxon des medizinischen Fortschritts besteht in der Tatsache, daß die Gesellschaft krank macht, was dem Einzelindividuum nützt. Ein geretteter Patient macht die Anzahl der Patienten eben nicht kleiner und die Gesellschaft nicht gesünder. Die Geisterarmeen der Toten der früheren Jahre leben heute als Kranke mitten unter uns. Aber auch die von der Medizin an vielen Fronten geschlagenen Brückenköpfe ins Jenseits werden immer häufiger mit Invaliden aufgefüllt. Allzu oft verlängert die Medizin nicht das gesunde Leben, sondern lediglich die Zeitspanne zwischen Erkrankung und Tod. Um die dadurch geradezu explodierenden Kosten wieder in den Griff zu bekommen, müßte mehr für die Verhinderung des statistischen Todes ausgegeben werden, und weniger für die des individuellen.   Hier wird von kompetenter Seite eine Alternative zu Bestehendem geboten. Der Autor macht deutlich, daß das Denken und Verhalten einer Gesellschaft, die das Überleben der Art aufs Spiel setzt, bloß weil sie die Utopie von der Möglichkeit subjektiv ewigen Lebens nicht aufgeben will, irrational ist. Vgl. dazu auch: Medizinische Ethik und soziale Verantwortung. Hrsg. v. Odo Marquard (u.a.). Paderborn (u.a.): Schöningh (u.a.). 1989. 92 S. (Ethik der Wissenschaft; 8)

Krämer, Walter: Die Krankheit des Gesundheitswesens. Die Fortschrittsfalle der modernen Medizin. Frankfurt/M.: S. Fischer, 1988. 271 S.