Der wissenschaftliche Fortschritt auf dem Gebiet der Humangenetik vollzieht sich in atemberaubenden Tempo; die dadurch aufgeworfenen Fragen übersteigen die Grenzen des Faches und verlangen auch nach sozialen, psychologischen und ethischen Antworten. Dieses Buch unternimmt den begrüßenswerten Versuch, die Chancen und Risken humangenetischer Forschungen interdisziplinär zu diskutieren.

Die ersten drei Beiträge stellen den Forschungsstand der Humangenetik in medizinischer Sicht dar. Insbesondere auf dem Gebiet der Diagnostik stehen immer mehr Möglichkeiten pränataler Feststellung kindlicher Erkrankungen bzw. Fehlbildungen, der Identifizierung von Genen, die zu Erkrankungen im späteren Leben disponieren bis zur Identifizierung von Trägern erblicher Erkrankungen zur Verfügung (Stichwort: Screening); fast täglich gibt es auch neue Forschungsergebnisse in Bezug auf therapeutische Veränderung genetischer Informationen bis hin zu Eingriffen in die Keimbahn.

In einem zweiten Teil erörtern drei Beiträge die durch das neue Wissen möglichen enormen psychologischen Probleme, wenn etwa ein Patient von einer noch nicht manifesten, aber unheilbaren Erkrankung erfährt. Zielvorstellung bleibt dabei zwar der aufgeklärte Patient, der qualifiziert an Entscheidungen über sich selbst mitwirkt; aber es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen, insbesondere solange noch keine Rede von einem auch nur einigermaßen flächendeckenden Netz für genetische Beratungsgespräche sein kann.

Der dritte Teil des Bandes versammelt schließlich vier Aufsätze, die sich aus philosophischer, theologischer und soziologischer Sicht mit einigen Konsequenzen der Humangenetik für das Selbstverständnis des Menschen befassen. Das bisher als gegeben akzeptierte Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit zu Anlagen und Behinderungen wird allmählich disponibel: wird dadurch die in den meisten Kulturen als universelle ethische Kategorie vorhandene Unantastbarkeit der Menschenwürde untergraben? Und wie steht es mit Autonomie und Selbstbestimmung? Was bedeuten die Möglichkeiten prädiktiver Diagnostik für das soziale Netz, für Kranken- und Lebensversicherungen? Werden sich gefährdete Individuen einer Diskriminierung ausgesetzt sehen? Das Prinzip der informierten Zustimmung kann diese Fragen allein wohl nicht lösen, alternative oder ergänzende Konzepte tun not.

A. R.

  

Perspektiven  der Humangenetik. Medizinische, psychologische und ethische Aspekte. Hrsg. v. Franz Petermann .. Paderborn: Schöningh, 1997. 248S., DM 48, - / sFr 44,50 I öS 350. -