Der Grazer Medizinsoziologe Gerhard Grossmann legt mit dieser Studie ein eindrucksvolles Stück interdisziplinärer Forschung zwischen Ökologie und Medizinsoziologie vor. Einleitende Kapitel beschreiben die Geschichte der Sozialepidemiologie, das Wesen der Medizinsoziologie, deren Konzepte und Methoden sowie eine Reihe soziologischer Krankheitstheorien. Anschließend erklärt der Autor Konzept und Datengrundlage seiner Studie, die Zusammenhängen zwischen Wohnumfeldqualität und Morbidität bzw. Mortalität nachgeht. In verschiedenen Zählsprengeln wurden Lärmbelastung, Schadstoffbelastung der Luft, Immissionen, Kleinklima, Bebauungsdichte u.dgl. gemessen. Unter Einbeziehung der umfassenden Wohnwertuntersuchungen von des Soziologen Kurt Freisitzer, für die über 20.000 Bewohnerurteile erhoben wurden, konnte man so zwischen wenig und stark belasteten Regionen differenzieren. Diesem Befund gegenübergestellt wurden über 20.000 Notarztprotokolle, die u.a. nach Faktoren wie Alter und Geschlecht sowie nach ihrer Art (kardiologische, pulmologische und neurologische Notfälle) unterschieden wurden. Für jede Gruppe berechnete man das relative Risiko (um welchen Faktor wahrscheinlicher es ist, an einem bestimmten Wohnort zu erkranken als im Bevölkerungsdurchschnitt) und das attributale Risiko (das zusätzliche Risiko in belasteten Gebieten).

Diese Gegenüberstellung ergab signifikante statistische Korrelationen zwischen sozialökonomisehen und medizinischen Daten. So beträgt das relative Risiko für einen in einer "stärker" belasteten Region lebenden Menschen im Mittel 1.9 und das attributale Risiko 47 Prozent. Das heißt, in einem optimalen Wohnumfeld könnte fast die Hälfte der Notarzteinsätze vermieden werden. Nach Erachten des Autors sind diese Ergebnisse vor allem für die Optimierung von Einsatzstrategien sozialer Dienste relevant (die Definition von ”Bedarfsreglonen" wird möglich). aber er will damit auch eine politische Entscheidungsgrundlage für Verbesserungsmaßnahmen der städtischen Umwelt und Gesundheit geliefert haben.

Eine Studie, die sich trotz einer gewissen wissenschaftlichen Sprödheit Gesundheitspolitiker. Stadtplaner. Amtssachverständige und natürlich auch besorgte bzw. betroffene BürgerInnen zur Gemüte führen sollten. Gleichzeitig ein gelungenes Beispiel für das Erkenntnispotential interdisziplinärer Forschung.


A. R.

Grossmann, Gerhard: Das langsame Sterben. Eine medizinsoziologische Ökologiestudie über den Zusammenhang zwischen Wohnumfeldbelastung und Krankheit. Frankfurt/M (u.a}: Lang (u.a), 1998. 237 S., DM sFr 73,- / öS 533