Stand in der Knappheitsgesellschaft das Moment des Gebrauchswerts von Gütern und Dienstleistungen im Zentrum der Wahrnehmung, so wird die Überflussgesellschaft vom Moment des Erlebniswertes bestimmt. Das Leben schlechthin ist zu einem „Erlebnisprojekt" geworden, die zentrale Herausforderung besteht nicht mehr in der Sicherung der Existenz, sondern in der Orientierung in einer Flut von Möglichkeiten, die der „Erlebnismarkt" bietet. So der Ausgangsbefund dieser umfangreichen kultursoziologischen Abhandlung, die den Wandel von alten Schichten- oder Klassenmodellen hin zu "Geschmackskulturen ", "Lebensstilen" und "Lebensphilosophien" vollzieht. Was sind die Folgen der Erlebnisgesellschaft? Mehr Individualität, aber auch größere Zersplitterung der "Schauplätze des Alltagslebens" und größere Fluktuation der Sozialkontakte, mehr Information, aber auch kognitive Überforderung durch diese Information, mehr Angebote, aber auch mehr Enttäuschungen und, daraus folgend, der Appetit auf "immer mehr". Die Verlagerung der Welt- und Problemwahrnehmung von der Außenorientierung (objektive Wirklichkeit) zur Innenorientierung (Erlebniswirklichkeit) führt zur Marginalisierung, Verdrängung oder Ästhetisierung objektiv gegebener Problem lagen wie Armut, Umweltgefahren, Alter, Tod, Krieg. Auf die Algen im Mittelmeer reagieren die Urlauber mit Umbuchungen, auf das Waldsterben die Politiker mit Kommissionen und Waldschadensberichten, die Entdeckung des Ozonloches hat bislang keineswegs zu einer radikalen Bekämpfung der Ursachen geführt. Von Bedeutung sei - so Schulze - die Untersuchung der subjektiven Wahrnehmung von Problemen: "Der Reiter auf dem Bodensee ist der Überzeugung, sich auf festem Boden zu befinden", darauf komme es bei der Rekonstruktion seines Handelns an, und nicht auf den Umstand, dass er sich objektiv auf dünnem Eis befindet. Wie der Autor selbst betont, ist die "Erlebnisgesellschaft" nur ein, wenn auch zunehmend bestimmend werdender Zugang für die Beschreibung unserer Kultur, diese Beschreibung ist aber brillant gelungen. Dafür sprechen die Originalität des Ansatzes, seine Integration in die Forschungsgeschichte der Soziologie und nicht zuletzt das sprachliche Niveau, mit dem das Thema vermittelt wird. Hans Holzinger

Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt/M. (u.a.) - Campus 1992. 765 S., DM 98,- / sFr 83,- / öS 764,40