Es sind die Siege des Kapitalismus und nicht seine von Marx vorausgesagten Niederlage, die das Ende der Industriegesellschaft ankündigen. Diese Auffassung vertritt der in München lehrende Soziologe UIrich Beck, der die an einem wachsenden ökologischen Bewußtsein sich manifestierenden inneren Widersprüche der Moderne durch Theorie und Begriff der Risikogesellschaft aufgezeigt und weit über die Grenzen seines Fachs hinausgetragen hat. Hier nun weitet er sein Thema aus, indem er die politischen Konsequenzen ausleuchtet, denen wir uns - ob es uns nun gefällt oder nicht - am Ende dieses Jahrhunderts gegenübersehen. An die Stelle alter Gewissheiten, des Denkens im Entweder - Oder treten Ambivalenzen, Verunsicherungen - das Und.

In einer vor allem auch aufgrund dieser Erfahrung zunehmend selbstkritischen Gesellschaft tritt der Staat (mit seinen den Anforderungen nicht mehr gewachsenen "Zombie-Institutionen ") als Akteur zurück, um mehr und mehr dem Individuum als "politischem Bourgeois" Platz zu machen. Eine auf sich selbst sich beziehende "reflexive Moderne der Selbstbeschränkung" wird, so Beck, andere Formen des Politischen ausbilden. Der klassengeprägte Streik wird abgelöst durch eine Strategie des "Staus" - als Zeichen selbstbestimmter Verlangsamung. Er ist eine Form" regelverändernder Subpolitik" d ie den Handlungsstaat alten Musters zum Verhandlungsstaat in dem Sinne macht, dass er Verantwortung an die Bürger abgibt, wo diese ihre Erfahrung, Wissen und Wünsche an Run.den Tischen und offenen Foren einbringen; neue Ziele und Aufgaben fallen ihm hingegen dort zu, wo er Interessen der Nachkommenden wahrzunehmen und sicherzustellen hat.

Treibender Motor dieser anderen, besseren Moderne ist für Beck "der Zweifel, der nicht der Unwissenheit, sondern dem Mehrwissen, dem Weiterfragen entspringt", ihm zu danken ist u.a. die "Spezialisierung auf den Zusammenhang", mögliches Ergebnis "eine aus den Fesseln von Ökonomie und Staat befreite Technik", die in vollem Bewusstsein des Zweifels immer auch Alternativen sucht und es wagt, "die Fragen der Technikverwertung und Technikverwendung neu zu sortieren und autonom zu organisieren". Bei dieser Rezension bleibt die nicht minder mögliche Variante einer von todbringenden Gewissheiten geleitete Gegenmoderne rechter wie linke Spielart ausgeblendet, die sich in gewalttätigem Handeln und in Fremdenhass manifestiert. Uberzeugende Argumente, um ihr entgegenzuwirken, hat der nach eigener Aussage "pessimismusmüde" Ulrich Beck hier in der Tat mehr als genug vorgelegt.

WSp.

Beck, Ulrich: Die Erfindung des Politischen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1993. 303 S. (edition suhrkamp; 1780) DM 20,-/sFr 18,40/ÖS 156