
Der Lebensmitte stehen wir meist nicht sehr positiv gegenüber. In ihrem klugen und feinfühligen Buch „Mitte des Lebens“ lädt Barbara Bleisch dazu ein, gerade diese Phase als Chance zur Reflexion und Neuorientierung zu begreifen. Zwischen 35 und 65 Jahren, irgendwo zwischen dem ersten großen Aufbruch und dem unausweichlichen Ende, liegt ein Abschnitt voller Fragen: War das schon alles? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen? Und – was will ich eigentlich noch?
Der Autorin gelingt es, diese existenziellen Themen philosophisch zu bearbeiten, ohne dabei abgehoben zu wirken. Sie holt die Leser:innen in ihrer Lebensrealität ab, gibt Denkanstöße, ohne zu belehren. Dabei verknüpft sie klassische philosophische Konzepte – von Aristoteles über Heidegger bis de Beauvoir – mit aktuellen Lebensfragen. Sie begreift verpasste Chancen dabei nicht als Scheitern, sondern als Teil des Lebenslaufs, der Spielräume eröffnet: für neue Rollen, andere Ziele, tiefere Einsichten.
Statt die Lebensmitte als Krise zu deuten, stellt Bleisch sie als produktive Zwischenzeit dar – als Phase, in der sich der Blick weitet: zurück, aber auch nach vorn. Es ist ein Lebensabschnitt, in dem wir Bilanz ziehen, aber eben auch noch gestalten können. Oft wird uns in dieser Zeit bewusst, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. In dieser Situation „drängt sich vielleicht eher die Frage in den Vordergrund, welches Leben ich führen will und wie ich mich dem zuwenden kann, was für mich wirklich von tieferem Belang ist“ (S. 69). Es bietet sich also nochmals die Möglichkeit, uns von dem zu trennen, was wir als unnötig oder überflüssig wahrnehmen. Die Autorin thematisiert dabei die Unsicherheit, die das „Dazwischen“ mit sich bringt, spricht über Verantwortung, Freiheit, Fürsorge und auch über das Loslassen. Dabei ermutigt sie die Leser:innen, Widersprüche auszuhalten, anstatt sie vorschnell aufzulösen. Kritisch könnte man einwenden, dass das Buch viele Themen anstößt, aber nicht alle konsequent verfolgt. Manche Aspekte, wie etwa die Ungleichheit der Lebensmitte je nach sozialer Lage, werden nur am Rande behandelt.
„Mitte des Lebens“ ist kein Ratgeber im klassischen Sinn. Es ist ein philosophisches Gesprächsangebot, das hilfreiche Perspektiven aufzeigt, um sich trotz erster Rückenproblemen und Falten an der Fülle des Lebens zu erfreuen.







