Peter Alheit ist sich der Ambivalenz seines Versuchs, mit einem Plädoyer für eine Neomoderne an die Ideale der klassischen Moderne anzuknüpfen, bewußt. Denn der “Theorietypus Marx" ist nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zweifellos grundlegend diskredidiert. Zu Recht aber stellt sich der Religionsphilosoph und Soziologe die Frage, welche der Probleme, deren Analyse jenen Theorietypus im ausgehenden letzten Jahrhundert und zu Beginn dieses Jahrhunderts sowohl für Denker wie für die arbeitenden Menschen gleichermaßen attraktiv gemacht hatte, heute mit dem "Sieg des Kapitalismus" eigentlich gelöst seien? Soziale Ungerechtigkeiten und die Barbarei der Gewalt jedenfalls nicht. So versucht der Bremer Universitätsprofessor, gegen den Zeitgeist schwimmend, an der Idee einer humaneren, gerechteren, zivileren Gesellschaft anzuknüpfen.

Alheits Überlegungen fußen dabei vor allem auf Antonio Gramscis Konzept der Zivilgesellschaft und der enzyklopädischen Bildungsidee von Raymond Williams. Er baut dabei, anders als Habermas, auf den arbeitenden Menschen als Subjekt der Geschichte. Gerade die schmalen Erfahrungen ziviler kultureller Innovationen im Deutschland des 20. Jahrhunderts hätten gezeigt, daß diese eher auf Akzeptanz aus der einfachen Kultur hätten rechnen können, denn auf das Verständnis kultureller Eliten.

Anstöße hin zu einer Realisierung der oben genannten ideen traut der Autor dann auch mehr den Protagonisten der Alltagskultur zu denn "gewöhnlichen" Intellektuellen, die er in verselbständigten Expertenkulturen der Wissenschaft, des Rechts und der Kunst ihr isolationistisches Dasein fristen sieht. Auch weil soziale Lernprozesse nicht jenseits von Arbeit, sondern gewissermaßen durch sie hindurch verliefen und unsere Gesellschaft für die Masse der Menschen nach wie vor eine Arbeitsgesellschaft ist. Dabei glaubt Alheit nicht an einen neuen theoretischen "großen Wurf", sondern an schrittweise Veränderungen mittels "semiotischer Gefechte", also dem  altbekannten Ringen um die kulturelle  Hegemonie.

E. H. 

Alheit, Peter: Zivile Kultur. Verlust und Wiederaneignung der Moderne. Frankfurt/M.: Campus, 1994, 335 S., ca. DM 78,-/ sFr 79,- / öS 609,-