Die Grünen. Wer sind sie - und, wie wurden sie, was sie sind. Das ist der rote Faden der Arbeit Raschkes. Extreme Pluralität, irritierende Mehrdeutigkeit und kaleidoskopartige Veränderlichkeit sind für den Autor Wesensmerkmale dieser "Partei neuen Typs", dieser „Antiparteien-Partei". Ungewissheit, normaler Bestandteil politischen Handelns, sei bei den Grünen nicht komplementär zu relativer Gewissheit, sondern konstitutiv. Die Schwierigkeiten der Grünen deutet der Hamburger Sozialwissenschaftier und Bewegungsforscher als Problem angemessener Strukturierung. Der Ansatz einer "basisdemokratischen Bewegungspartei" sei gescheitert. Für die Zukunft wird ein Parteienmodell der "ideologischen und professionellen Rahmenpartei" vorgeschlagen. Wenn man so will als eine Art Dienstleistungsbetrieb, der einer interessierten Öffentlichkeit zeitlich und thematisch begrenzt seinen professionellen Apparat zur Verfügung stellt. Daneben leide die Partei der Jugend zunehmend an Vergreisung:

Die jugendlichen Akteure der Gründerzeit zu Beginn der 80er Jahre sind zehn Jahre älter geworden, und die nachwachsende junge Generation hat nicht in nennenswertem Umfang zu den Grünen gefunden. Veränderung, vor allem im strukturellen Bereich, so Raschke, täte also der Partei der Veränderung not. Und tatsächlich. Nach dem Scheitern bei der Bundestagswahl 1990 scheint sich der untersuchte Akteur zu wandeln. Die Rotation, einst heilige Kuh der „Basokraten" und egalitäres Werkzeug zur Verhinderung von Partei-Eliten, ist faktisch abgeschafft. Die Trennung von Amt und Mandat, Instrument zur Vermeidung von Machtkonzentration in den Händen weniger, ist mittlerweile auch auf Bundesebene durchlöchert. Ob dieser Weg freilich Die Grünen als Ferment der Veränderung langfristig sichert, oder ob er die Anpassung der Ökopartei an die herrschenden Parteienstrukturen und die gängigen programmatischen Inhalte beschleunigt, somit Die Grünen als echte Alternative überflüssig macht, wird die Zukunft zeigen.

Ein Werk von fast 1000 Seiten hat der Professor am Institut für politische Wissenschaft der Universität Hamburg vorgelegt. Die bisher umfassendste Darstellung und Analyse Der Grünen. Schwer lesbar freilich, angesichts einer ausufernden Zahl an Fußnoten, die den Lesefluss immer wieder unterbrechen. Ein Werk, das hauptsächlich den wissenschaftlich inspirierten Leser anspricht, weniger ein breites, politisch interessiertes Lesepublikum erreichen dürfte. Dafür sind die zahlreichen Kapitel über Programme, Personen und Organisationsformen akribisch durchgearbeitet. Wenn auch zuweilen - was Wunder bei einem Untersuchungsgegenstand, der mehr als 40.000 Menschen umfasst, und neben einer Menge Papier vor allem auf das Interview einer Vielzahl von Subjekten angewiesen ist - sich gerade bei der Aufarbeitung "Grüner Geschichte" auch kleine Unkorrektheiten einschleichen.

E.H.

Raschke, Joachim: Die Grünen. Wie sie wurden, was sie sind.

Bund-Verlag, Köln 1993, 959 S., DM 58,-/ öS 452,40/ sFr 49,20