Um die soeben angesprochene „faire Verteilung“ zu ermöglichen, also einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz zu realisieren, schlägt der Ökonom Gerhard Scherhorn „eine Gleichordnung des Kapitals mit der Arbeit, und analog dazu auch mit den weiteren Produktionsfaktoren Gesellschaft und Natur“ vor ( S. 84). Er verdeutlicht, dass das Primat des Kapitals – sein Vorrang vor den anderen Produktionsfaktoren – weniger eine Bedingung für effizientes Wirtschaften als ein Verteilungsinstrument darstellt, „das nicht nur den demokratischen Wohlstand, sondern generell die nachhaltige Entwicklung verhindert“ (S. 82f.). Deshalb sei es notwendig, das Kapitaleigner und Arbeitnehmer gleichberechtigte Mitglieder der Unternehmung sind mit dem Anspruch auf Teilhabe am Gewinn, über dessen Erwerb und Verteilung sie sich einigen müssen. (vgl. S. 66)

 

Weitere Schritte zu einer tragfähigen Zukunftsentwicklung sieht der Autor in einer wirksamen Kontrolle der Finanzmärkte und – ebenso wichtig – in der Verstärkung der Sozialbindung des Kapitals durch „Gleichordnung der Produktivkräfte und Orientierung des Wettbewerbs am Nachhaltigkeitsprinzip“. Der Schutz des freien Wettbewerbs dürfe nur noch für nachhaltigkeitskonforme (nicht länger für externalisierende) Wettbewerbshandlungen gelten. (vgl. S. 20)

 

Eine andere Variante bietet der Blogger J. Strobl in „Die Zukunft des Kapitalismus“ (s. o.) an: Die Bürger sollen seiner Ansicht nach der Politik und den Verbänden nicht länger gestatten, sie mit dem inhaltsleeren Chiffre „Soziale Marktwirtschaft“ für dumm zu verkaufen. Denn „die Faktenlage beweist eindeutig, dass der bisherige Kurs zu nichts anderem geführt hat als zu Verteilungsungerechtigkeit und finanzieller Instabilität“ (S. 14). Eine Soziale Marktwirtschaft müsste verteilungsgerecht und finanziell stabil sein, die Stärkung des Binnenmarktes durch Aus- und Aufbau von Beschäftigungsmöglichkeiten beinhalten und Markteintrittsbarrieren abschaffen. Zweifellos könnte die (Öko)Soziale Marktwirtschaft geeignet sein, die Krise zu meistern, in dem Mensch und Wirtschaft gemeinsam im Mittelpunkt stehen mit den Zielkoordinaten soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und hohes Wohlstandsniveau. Zudem müsse der Faktor Arbeit von den massiven Verbrauchssteuern befreit werden. In der gegenwärtigen Krise sieht Strobl – radikaler als viele andere – nur zwei Wege: „Entweder wird der Kreditsektor zur Gänze verstaatlicht, oder das bisherige System der Großbanken wird gesprengt und durch eine Vielzahl kleinerer Institute ersetzt, die jedes für sich keine Systemrelevanz mehr entfalten und daher auch ohne Gefahr für das System pleitegehen können.“ (S. 16)

 

Ähnliche Töne sind auch von den Ökonomen Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann in ihrem Band „Der gute Kapitalismus“ zu hören. Sie bieten allerdings keinen „fundamentalen Gegenentwurf zum bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell”, gehen aber doch auf grundlegende Fehlentwicklungen der vergangenen 30 Jahre ein und betonen v. a. die enormen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft seit den 1980er Jahren. Daraus folgt für das Autorenteam, dass Nachfrage global betrachtet nicht länger über Verschuldung, sondern über Löhne und Gehälter geschaffen werden muss, die möglichst in allen Ländern mit dem Produktivitäts- und dem Bevölkerungswachstum steigen. Um dies zu erreichen, sei nach Ansicht der Autoren unter anderem eine Zwangsmitgliedschaft der Firmen in den Arbeitgeberverbänden sowie die Schaffung einer EU-Arbeitslosenversicherung und einer europäischen Mindestlohnkommission erforderlich. Darüber hinaus empfehlen Dullien, Herr und Kellermann ein Regelwerk gegen zu starke Wechselkursschwankungen, schärfere Vorschriften für Banken und die Einrichtung eines internationalen Schuldengerichtshofs. Die Vorschläge zur Sanierung der Staatshaushalte sind aber etwas dürftig ausgefallen, denn außer Steuererhöhungen sehen die Autoren wenig Möglichkeiten der Lukrierung von Kapital. Als unverbesserlich outet sich diesbezüglich Hans-Olaf Henkel, der sich eine Rückkehr zur Erhardschen Marktwirtschaft als „Retroliberalismus“ im Sinne der Wiederherstellung des einst Funktionierenden wünscht. (vgl. H.-O. Henkel, S. 232)

 

Dullien, Sebastian; Herr, Hansjörg; Kellermann Christian: Der gute Kapitalismus … und was sich dafür nach der Krise ändern müsste.Bielefeld: transcript-Verl., 2009. 242 S.,€ 19,80 [D], 20,40 [A], sFr 35,90; ISBN 978-3-8376-1346-9