Am 8. März dieses Jahres vollendete der Nestor der katholischen Soziallehre sein hundertstes Lebensjahr. Dass er in dieser Zeitspanne kein umfassendes theoretisches Werk verfasst, sondern stets nur "auf handfeste Probleme reagiert" hat, ist von ihm selbst bedauert worden. Die Lektüre dieses Bandes, der insgesamt 36 Texte aus den Jahren 1970-1986 enthält, weist indes die besondere Stärke Nell-Breunings nach: Der interdisziplinäre Charakter, mehr noch die politische Dimension seines theologisch fundierten Denkens sind von einzigartiger Qualität, weisen sie doch zugleich weit in die Zukunft. Sind die einleitenden Beiträge zum Sozialkatholizismus überwiegend als zeit- und kirchengeschichtliche Stellungnahmen zu lesen, so zeigen bereits die Abschnitte "Kirche - Gewerkschaften" sowie "Sozialismus - Marxismus", wie sehr es Nell-Breuning um Vermittlung und klare Analyse geht, wobei nichts fernerliegt als die Gefahr der Standpunktlosigkeit. Im Gegenteil: Die Ausführungen zu Marktwirtschaft, Unternehmensverfassung, Mitbestimmung, Gleichstellung der Frau sind ebenso Forderungen an eine nicht nur ökonomisch ausgerichtete Zukunftsgestaltung wie etwa der Vorschlag, neben Arbeits- und Freizeit auch die "Sozialzeit" als gesellschaftlichen Wert zu berücksichtigen. Kapitaleinleitungen und weiterführende Literaturhinweise tun ein Übriges, um die Beschäftigung mit dem Autor anzuregen. Die Aufforderung, "den Kapitalismus umzubiegen", ihn nicht zu brechen, sondern menschlich zu formen, ist gerade heute von höchster Aktualität. Tragfähige Konzepte zur Bewältigung gemeinsamer Probleme bedürfen auf allen Seiten der Bereitschaft zur Veränderung. Vgl. dazu auch: Fink, Ulf: Streitbar, direkt, souverän. Zum 100. Geburtstag des Nestors der christlichen Soziallehre. In: Die Zeit. 1990, Nr. 11, S. 32

Nell-Breuning, Oswald, v.: Den Kapitalismus umbiegen. Schriften zu Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Lesebuch. Hrsg. v. Friedhelm Hengsbach. Düsseldorf: Patmos-Verl., 1990, 470 S., ca. DM 49,80/ sFr 44, 10 / öS 388