Ein Maßanzug, zu Hause ausgesucht und millimetergenau "on demand" in Billiglohnländern gefertigt, die Pizza nach Lust und Laune individuell auf dem interaktiven Multimedia-Bildschirm komponiert, wenig später aus der nächstgelegenen Filiale frei Haus geliefert: Für W. Mitchell, der am MIT mit Fragen der Computerentwicklung und Stadtplanung beschäftigt ist, und schon heute zeitgleich von seinem Büro aus mit Studierenden in aller Welt an der (virtuellen) Architektur des 21. Jahrhunderts bastelt, sind das eher kleine Fische. Wenn jedoch, wie der Autor annimmt. die Symbiose zwischen Mensch und Technik derart voranschreitet, daß medizinische oder biographische Daten per Implantat oder Tätowierung zum untrennbaren Teil eines jeden Bürgers im Cyberspace werden, dann ist es selbstverständlich, daß auch unsere (urbanen) Wohn- und Lebensformen sich radikal verändern werden. „In zunehmendem Maße", so Mitchell, "werden Computer nahtlos mit Gebäuden verschmelzen, und Gebäude werden selbst zu Computern werden." Ausgestattet mit einer geographischen und einer Vielzahl von E-Mail-Adressen sind die Produkte „rekombinater Architektur" vor allem “Landedocks für Bits", und einzig Speicherkapazitäten vor Ort und die Bandbreiten der digitalen Netze werden darüber entscheiden, wie dicht und real die weltweit permanent zirkulierenden Informationsflüsse den zu Cyborgs gewordenen Usern zur Verfügung stehen. Ausführlich beschreibt Mitchell die weitreichenden Veränderungen, die diese Entwicklung v. a. für öffentlich urbanen Raum bedeuten. Gebäude, seit jeher nicht nur bestimmten Funktionen zugeordnet, sondern stets auch als Objekte der Repräsentation und Macht konzipiert. werden sich verändern oder ganz verschwinden, denn Parlamente, Tintenburgen, Galerien, Bibliotheken und Theater, Krankenhäuser und Gefängnisse, Einkaufszentren und Erlebniswelten - sie alle werden infolge der faktischen Auflösung von Raum und Zeit und der damit einhergehenden Verflüchtigung des "sozialen Superklebstoffs namens Nähe" neu gestaltet. So ist es durchaus auch denkbar, daß die hoffnungslos verstopften und stinkenden Zentren unserer Städte bald der Vergangenheit angehören. Bei aller Zuversicht, die Mitchell mit Blick auf die Zukunft verbreitet, ist er sich zugleich auch der Risiken dieser tendenziell wohl unumkehrbaren Entwicklung - allein in den USA hat sich die Zahl der Telearbeiter zwischen 1991 und 1993 um 20 % auf 6,6 Mio. erhöht - bewußt: Wessen Staates Verfassung wird als Rechtsgrundlage dienen? Wie ist geistiger Besitz zu definieren, was wessen Eigentum, wenn dieses im Fluß der Bits und Bytes zwar (mehr oder minder) wertvoll, aber niemals knapp, weil unbegrenzt und kostengünstig für jedermann reproduzierbar ist? Was geschieht, wenn selbstlernende "künstliche Agenten", die als gute Geister routinemäßig persönliche Zeitungen zusammenstellen oder an der Börse handeln, plötzlich verrückt spielen? Und vor allem: Wird es gelingen, die "Sysops" (Systemverwalter). die als Priester des neuen Zeitalters alle Macht in Händen halten, zu kontrollieren und vor allem die so vielverheißende Technik tatsächlich allgemein zugänglich zu machen? Das sind einige der Fragen und zentralen Aufgaben, deren Beantwortung und allgemein akzeptierte Lösung darüber entscheidet. ob wir Cyborgs einer Zukunft mit Gedeih oder Verderb entgegengehen. Es steht viel auf dem Spiel. WSp.

Mitchell, William J.: City of Bits. Leben in der Stadt des 21. Jahrhunderts. Basel (u.a.): Birkhäuser, 1996. 229S.